Die Ampel

[Kleine Geschichte zum Wochenende…]

 

Die Ampel

Als ich meine erste Stelle bekam, war ich logischerweise sehr aufgeregt. Neue Unabhängigkeit, der Umzug in eine neue Stadt, ein ganz neues Leben auf eigenen Füßen beginnen. Trotz aller Unkenrufe hatte ich sehr schnell eine fantastische kleine Wohnung gefunden und auch der Umzug hatte gut geklappt, noch fehlten einige Möbel, und so hatte ich mein erstes Gehalt, dass ich mir doch erst noch verdienen musste, schon ziemlich verplant.

Meinen Arbeitsweg konnte ich wunderbar mit dem Fahrrad zurücklegen. Von meiner Wohnung ging es ein paar Straßen weiter durch einen kleinen Park, dann über eine große Kreuzung, ein Stück die Straße entlang, links abbiegen und ich war da. Mit dem Fahrrad nur 10 Minuten. Sollte mit dem Rad mal was sein, konnte ich das auch laufen. Ich fühlte mich großartig und nachdem ich den Weg ausgetestet hatte, konnte ich am ersten Arbeitstag mit klopfendem Herzen aber wohlgemut zur Arbeit radeln. Die große Kreuzung war dabei eine echte Geduldsprobe, denn es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Ampelanlage sich dazu bequemte, nachdem sie allen anderen Fahrzeugen Vorrang gegeben hatte, auch endlich die Fuß- und  Radfahrerampel vor der ich wartete, auf grün zu stellen. Beim Warten blickte ich mich um, sah eine Frau, die einen Kinderwagen schob und für das Kind lustige Grimassen schnitt. Ein Mann im schicken Anzug hatte das Handy am Ohr und verlangte lautstark von seinem Gesprächspartner eine schnellere Lieferung. Zwei Frauen tuschelten und kicherten miteinander, während eine ältere Dame leicht gebeugt auf ihren Stock gestützt auf der anderen Seite der Kreuzung wartete. Ein junger Mann, der es offensichtlich sehr eilig hatte, ignorierte die rote Ampel und sprintete über die Kreuzung und ich hielt kurz die Luft an, bis er drüben war und der Autofahrer, der ihn fast überfahren hätte, hupte wütend und sah ziemlich erschrocken aus. Neben mir hörte ich eine Männerstimme  sagen: „Der lernt aber auch nichts dazu! Jeden Tag, rennt er bei Rot drüber. Irgendwann erwischt ihn mal ein Auto!“ – „Hoffen wir, dass nicht!“ , antwortete  eine weitere Männerstimme, als ich mich bereits leicht herumdrehte, weil ich dachte, der erste Satz wäre an mich adressiert gewesen. Da die beiden Männer im Gespräch waren, blickte ich schnell wieder weg und endlich wurde es grün, so dass ich durchstarten konnte.

Der erste Tag war erwartungsgemäß sehr anstrengend und mit rauchendem Kopf aber sehr glücklich fiel ich ins Bett. Am  nächsten Tag goss es aus Strömen, so dass ich beschloss, nicht das Fahrrad zu nehmen, damit ich weder wie ein begossener Pudel ankam, noch mich aus nasser  Regenkleidung pellen musste. Und man konnte die Strecke ja auch gut laufen, also schnappte ich meinen Schirm und ging los. An der Ampel sah ich wieder die Frau mit dem Kinderwagen und es erfasste mich gleich ein heimeliges Gefühl. Neben mir hörte ich Männerstimmen und als ich mich unauffällig drehte,  konnte ich sehen, dass es die beiden Männer vom Vortag waren. Einer der beiden gefiel mir auf Anhieb. Es sah freundlich und sehr sympathisch aus. Auch der Klang seiner Stimme hallte in mein Ohr und seine ganze Erscheinung ließ mich den Regen vergessen – und fast noch die Ampel. Erst als die beiden Männer losgingen, bemerkte ich, dass die Ampel inzwischen grün geworden war, so war ich in die Stimme versunken. Verlegen folgte ich ihnen über die Straße, während sie in ihr Gespräch vertieft mich nicht wirklich wahrnahmen.

Am Tag darauf wartete ich ein wenig aufgeregt an der Ampel und freute mich schon darauf, ihn wieder zu sehen, oder zumindest zu hören, aber die beiden Männer tauchten nicht auf. Die Frau mit dem Kinderwagen schon und auch der junge Mann, schien es an diesem Tag wieder sehr eilig zu haben und war nicht bereit, auf die grüne Ampel zu warten…  Der Mann, der am ersten Tag so laut telefoniert hatte, tat dies heute wieder und reklamierte gerade  – wieder sehr lautstark  –  irgendeine falsche Lieferung. Ich empfand ihn als unangenehmen Zeitgenossen.

Die ersten Wochen vergingen wie im Flug. So viel gab es auf der Arbeit viel zu lernen und zu erledigen, auch in meiner Wohnung gab es genug zu tun und genauso wichtig war mir die Stadt, die meine neue Heimat war, zu erkunden, wobei meine neuen Kollegen mir sehr halfen, mich einluden und mit guten Tipps einen schönen Start ermöglichten.  Jeden Morgen machte  ich mich auf den Weg zur Arbeit. Fast immer sah ich die Frau mit dem Kinderwagen, den eiligen jungen Mann, hörte die neuen Beschwerden des Mannes, der irgendwie mit seinem Handy verwachsen zu sein schien. Und ebenfalls fast immer – und zu meiner allergrößten Freude – auch die beiden Männer, die ich heimlich beobachtete während mein Herz heftig pochte. Die Stimme, die Worte, das Lachen des einen berührten eine Seite in meiner Seele und wie gern hätte ich ihn näher kennengelernt. Ich freute mich tatsächlich wenn die Ampel rot war, so dass ich in seiner Nähe sein konnte, denn wenn es grün wurde schritt er schnellen Schrittes über die Straße und verschwand in der Straße links, während ich erst noch weiter geradeaus gehen musste. Manchmal überlegte ich, ob ich den Männern nicht einfach folgen sollte, ob ich ihn nicht einfach ansprechen sollte, aber dazu fehlte mir der Mut.  So beschränkte ich mich auf die kurzen sehnsuchtsvollen Momente an der Ampel und träumte davon, wie er mich eines Tages ansprechen würde ….

War er morgens an der Ampel, war es ein schöner Tag, ich war fröhlich und beschwingt, denn im Rahmen meiner schüchternen Zuneigung hatte ich die meistmögliche Nähe genossen. Hatte seine wundervolle Stimme gehört, vielleicht sogar sein Lachen, was meinen Tag zu einem besonders heiteren machte.  Auch wenn ich es nicht fertig brachte, ihn bewusst auf mich aufmerksam zu machen, so tat doch die Regelmäßigkeit des Zusammentreffens an der Ampel ihren Teil dazu, eine gewisse  Bekanntheit aufzubauen. Und  so dauerte es nicht lange, dass ich den mir sympathischen Menschen meines morgendlichen Arbeitsweges freundliche zunickte und grüßte. So gab es ein freundliches Kopfnicken mit den beiden Männern (immer verbunden mit viel Selbstbeherrschung meinerseits, nicht zu sehr zu starren),  ein breites Lächeln für die Frau mit dem Kinderwagen, denn sie zu grüßen war weit einfacher und unverbindlicher. Den ‚Telefonierer‘  ignorierte ich, da er sowieso in einer eigenen Welt voller Lieferungen lebte und seine Umwelt nicht wahrnahm und der ‚Eilige‘ brauchte seine ganze Aufmerksamkeit für den fahrenden Verkehr, den er teilweise durchquerte wie eine Figur in einem Videospiel – und ich wünschte ihm, dass er vorsichtig genug sei oder genug Leben hätte, um nicht tatsächlich eines Tages mal doch von einem Auto erwischt zu werden.

Wie ein Teenager schwärmte ich heimlich von ‚meinem‘  Mann an der Ampel und der Blick in seine freundlichen Augen beim kurzen Gruß ließ mich jedes Mal wohlig erschauern. Ich wünschte mir von Herzen, ich hätte den Mut mit ihm zu sprechen. Aber ich konnte es nicht. Es war, als wäre ich innerlich unsichtbar und versteinert, so dass, so sehr ich mich auch bemühte, einfach kein Wort über meine Lippen kam. Die Wochen vergingen und obwohl ich ihn so wundervoll fand, wollte sich der Mut, ihn anzusprechen einfach nichteinstellen.  Und so kam der Tag, an dem die beiden Männer nicht an der Ampel standen. Erst dachte ich, dass es halt  mal einer der Tage ist, an dem man sich nicht sieht. Als er aber mehrere Tage hintereinander nicht kam, ersann ich allerlei Theorien: von Urlaub über Krankheit zu Fortbildung  reichte das Spektrum meiner innerlichen Erklärungen für die Abwesenheit. Nach drei Monaten gestand ich mir schweren Herzen ein, dass er wohl nicht mehr hier arbeitete und ich ihn wohl nie mehr wiedersehen würde. Ich hatte meine Chance vertan.

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