Was für ein Kindergarten!

[Inspiriert von der ‚Ausschreibung des Todes‘ des Leserattenverlages 2017]

Irgendwie waren meine Augenlider schwer wie Blei und so musste ich sie einfach geschlossen halten, während ich leises Getuschel vernahm. Es gelang mir nicht, mich so weit zu konzentrieren, dass ich verstehen konnte, was da gesagt wurde; aber als einvernehmliches Kichern erklang, konnte ich das durchaus ausmachen und versuchte dann doch nochmal mit aller Kraft, die Augen aufzumachen…  Immer noch klappte das nicht wirklich und auch der Rest meines Körpers fühlte sich irgendwie unwirklich an und nicht so, als ob ich ihn bewegen könnte. Merkwürdiger Traum das hier …

Das Getuschel schien lauter zu werden oder meine Ohren funktionierten wieder besser, so dass ich einzelne Worte ausmachen konnte, aber es war wie eine schlechte Telefonverbindung, bei der man nur die Hälfte mitbekommt, so sehr man sich auch anstrengt  – die unwichtigere Hälfte natürlich!

…“lustige Haare“ …..

…“sieh doch“…..

…“da“…

…ein Kichern …

…“genau“….

…“psst, du bist“…

…und wieder kichern …

Meine Augenlider zuckten, auch hier kehrte langsam wieder die Kontrolle zurück.

„Hey, sie kommt zu sich!“, hörte ich ganz laut. „Eine Kinderstimme!?“, dachte ich verwundert. Die kam mir jetzt gar nicht bekannt vor, aber in Träumen ist ja so manches möglich. Doch normalerweise nimmt man das, was in einem Traum geschieht, einfach so zur Kenntnis und fragt sich erst hinterher, welche Abteilung im Unterbewusstsein sich wohl diesen Kram zusammengereimt hat. Dies hier war aber irgendwie anders … mühsam öffnete ich die Augen einen Spalt und musste sie direkt wieder schließen, das war anstrengender als ein Marathon. Hatte ich K.O.-Tropfen bekommen oder warum war ich so schwerfällig? Ein leichtes Brummen kam aus meinem Mund, verständliche Worte waren das in jedem Fall nicht.

„Na komm‘, mach schon die Augen auf!“, hörte ich auffordernd die Kinderstimme. „Jetzt sei doch nicht so blöd“, konterte eine andere Kinderstimme ,„immerhin ist sie gerade gestorben!“ .

„Äh, Moment mal“, dieser Traum entwickelte sich in eine immer skurrilere Richtung. Aber immerhin versetzte mir diese Aussage so einen ordentlichen Adrenalinschub, dass ich die Augen schlagartig öffnen konnte. „Siehst du, geht doch!“, sagte der kleine Junge, den Blick auf das Mädchen neben ihm gerichtet. Er hatte rote, abstehende Haare und erinnerte mich entfernt an Pumuckl, während das Mädchen braune Wuschellocken in den kurzen Haaren hatte und mich neugierig musterte.

„Du bist die Nummer 100.000 dieses Jahr!“, erklärte mir das Mädchen, als ob ich verstehen müsste, was sie mir damit sagen wollte. Statt Worte drangen nur unverständliche Laute aus meiner trockenen Kehle, aber der Junge half aus: „ich glaube, das hat die nicht verstanden“. Und fügte nach einer kurzen Pause altklug dazu, „manche Leute können so begriffsstutzig sein!“ – „Na, danke auch“, dachte ich und wäre jetzt gerne aufgewacht. „Dann helfen wir ihr halt ein wenig auf die Sprünge!“, setzte das Mädchen hinzu und fasste meine Hand. Diese wurde unmittelbar von einer Woge von Wärme und Leichtigkeit erfüllt, die sich sofort den Arm entlang in meinem Körper zu verteilen begann, so dass ich mich nach einem kurzen Moment der Berührung so fit und ausgeschlafen fühlte wie seit Jahren nicht!

Ich setzte mich auf und blickte in die braunen Augen des Mädchens. „Danke“, sagte ich zu ihr, denn das schien mir nach dieser Wunderbehandlung durchaus angemessen. „Gern geschehen!“, antwortete sie spontan, „Ist ja das Mindeste, nachdem wir dich vorhin umgebracht haben.“

Ich schluckte. Das war nun schon das zweite Mal, dass sie von meinem Tod sprach; was war das nur für ein abstruser Traum! Ich wusste wirklich nicht, was ich denken sollte, als plötzlich eine Frau auftauchte und mich eindringlich ansah. „Ach, diese Racker!“, was sich wie eine Mischung aus Entschuldigung und Stolz anhörte. „Sind das Ihre Kinder?“, fragte ich. Als Lehrerin hatte ich öfter mit Eltern von frechen Kindern zu tun, die zwar einerseits vorgaben, das Tun ihrer Kinder nicht gut zu heißen, aber doch insgeheim auf die Cleverness ihres Nachwuchses stolz waren und das, was die Kinder angestellt hatten, gar nicht so schlimm fanden. Und wenn ich darüber nachdachte, dann war das schon eine ziemliche Freakshow von zwei Kindern, die mir noch im Kindergartenalter zu sein schienen…

Die Frau öffnete den Mund und lachte. „Nein, die nicht! Ich schaue nur ab und zu nach ihnen, damit sie nicht zu viel Unfug anstellen.“ – „Machen wir doch gar nicht!“, kam beleidigt vom Jungen. „Nee, echt nicht!“, bestätigte das Mädchen. Mich beschlich das Gefühl,  dass es nett wäre, jetzt endlich aufzuwachen oder zumindest zu gehen. Irgendwie schien mir dieser Traum dann doch zu schräg. Aber als hätte sie meine Gedanken gelesen sagte die Frau: “Das ist kein Traum, Sie sind tatsächlich tot.“  – Und plötzlich erinnerte ich mich. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und wollte noch schnell Erdbeeren für den Kuchen holen und da kam dieses Auto ziemlich schnell von hinten angefahren und als ich mich umdrehte, sah ich den Fahrer am Handy und bevor ich irgendetwas sagen, rufen oder nur denken konnte, spürte ich, wie mich das Auto erfasste und durch die Luft wirbelte. Spürte wieder den Schmerz des Aufpralls und das alles wie in Zeitlupe und konnte doch nichts tun, um mich abzufangen ….

Das Ganze war für meinen Kopf gerade eine ziemlich harte Nuss, aber die auf mich einstürzenden Gefühle wurden jäh von einer Kinderstimme unterbrochen: „Ja, und weil du Nummer 100.000 dieses Jahr bist, durftest du uns besuchen!“, wurde mir erklärt und bekam eine Art „Gewinnkarte“ unter die Nase gehalten auf der tatsächlich mein Name stand, mein Todeszeitpunkt, Todesursache und die Jahresnummer. In meinem Fall 100.000 mit dem Gewinn, meinen Tod persönlich kennen zu lernen. Ein sehr eigenartiger Gewinn, wie mir schien und das Gefühl, vielleicht doch lieber ahnungslos verstorben zu sein, war nicht mal so unattraktiv.

„Siehst du, wir haben hier echt was zu tun!“, wurde mir erklärt, obwohl ich gar nicht gefragt hatte. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen nicht zu viele werden!“, erklärte der Junge und das Mädchen setzte hinzu „und nicht zu alt. Dann macht es nämlich keinen Spaß mehr, mit euch zu spielen.“ – „Äh, Moment mal. Sagtest du gerade ihr spielt mit uns?“, fragte ich ungläubig nach. – „Ja sicher. Schau mal da hinten, da  ist mein Krankenhaus. Da sterben ganz viele. Vorher habe ich sie krank gemacht“.  – Ich schluckte schwer: „ Du meinst, du sorgst dafür, dass die Leute ins Krankenhaus kommen und dann unter Umständen nicht mehr raus?“ – „Genau“, sagte das Mädchen leichthin. „Bei mir ist es viel spannender, schau mal hier, da sind meine Straßen und Autos! Da kann man so coole Unfälle machen!“, mischte sich nun der Junge ein. Seine Begeisterung konnte mich allerdings nicht wirklich anstecken. Diese Kinder sollten in der Hand haben, wer stirbt und wer lebt!? Wie konnte das sein? Wenn es einen Gott gab, dann wäre der doch irgendwie verantwortlich für so wichtige Entscheidungen, oder nicht? – Die Frau, die vorhin schon meine Gedanken zu lesen schien, schaltete sich auch jetzt wieder ein: „Gott hat wirklich genug damit zu tun, dass die Erde als Ganzes nicht den Bach runter geht, da kann er sich nicht auch noch um so banale Dinge wie den individuellen Tod kümmern!“ – Und setzt mit einem Lächeln hinzu: „Und die beiden machen das ganz gut!“. Ich sah, wie bei diesem Lob ein Strahlen über beide Kindergesichter huschte …

„Äh, naja“, versuchte ich einen Anfang zu finden „für das einzelne Individuum ist der Tod aber jetzt nicht wirklich banal!“ – „Ja, schon, aber wir müssen das im Gesamtkontext sehen. Der Einzelne ist nur ein winziges Bausteinchen“, entgegnete sie mir. Spontan kam  mir der Ameisenhaufen in den Sinn, den ich kürzlich im Garten nach Anheben einer Bodenplatte entdeckt hatte. Da hatte ich auch nicht an das Schicksal einzelner Ameisen gedacht …. durchaus eine Frage der Perspektive, wie ich mir eingestehen musste.

„Quatscht ihr noch lange?“, fragte mich das Mädchen, dem das Gespräch offensichtlich langweilig war. „Hier, schau mal, das bist du!“, setzte sie hinzu und hielt mir eine Puppe unter die Nase, die keine wirkliche Ähnlichkeit mit mir hatte. „Echt?“, entfuhr es mir verblüfft. „Jepp“, antwortete sie und setzte mit einem Kopfnicken in Richtung des Jungen hinzu: „ich wollte nur so spielen, aber er hat das Auto aufprallen lassen.“  – Darauf fiel mir erst mal nichts ein.  Der Junge grinste von der hinteren Zimmerecke und meinte nur, „Autos sind echt klasse, da kann man tolle Karamboulagen  machen! Guck“, und schon ließ er mehrere Fahrzeuge in seinen Händen aneinanderprallen. Mir wurde ganz schlecht und ich presste nur ein „die sterben aber jetzt nicht alle“ durch die Lippen. „Nee, nicht alle. Aber der da, und ….. der“, sprach’s und schnippte zwei Püppchen um. Die Willkür, mit der hier über Leben und Tod entschieden wurde, schockierte mich, weckte aber auch die Pädagogin in mir: „aber du kannst die doch nicht einfach so umschnippen. Vielleicht haben sie Kinder oder sind frisch verliebt und haben noch so viel vor sich!“ – „Ist mir egal“, kam die Antwort. „Das nennt man Zu-falls-prin-zip!“, belehrte mich das Mädchen und sprach das Wort sehr gedehnt aus, wie ein Fachwort, dass man gerade erst gelernt hat.

Ich allerdings hatte bereits mehr gehört und gesehen, als ich mir lieb war und wollte gerne weg, aber wohin? Also blieb mir wohl nichts anderes, als nachzufragen: „Was wird jetzt mit mir? Geht es jetzt für mich ins Paradies oder die Hölle?“ – „Das erledigt Frau Petrus“, antwortete das Mädchen ausweichend. Frau Petrus war aber gerade aus dem Zimmer gegangen, nachdem ihr Telefon geklingelt hatte. Ich schwieg und fühlte mich nun doch etwas nervös, wohin mich meine letzte Reise führen würde. Die Kinder wandten sich wieder ihrem Spiel zu und ich gab mir Mühe, NICHT hinzusehen. Das Mädchen schnippte gerade eine Figur, schien es sich dann aber doch nochmal anders überlegt zu haben und berührte sie sanft mit dem Finger. Ich erinnerte mich an das Gefühl der Leichtigkeit und Lebendigkeit, das sie mir vor kurzem durch ihre Berührung geschenkt hatte. „Seid ihr denn auch für Geburten zuständig?“, fragte ich durch den Raum. Denn wenn Leben und Tod so dicht beieinander lagen, dann fiel es hier vielleicht ins gleiche Ressort. „Zum Glück nicht“, meinte der Junge, „das macht unsere Oma.“ – „Manchmal spielen wir aber zusammen mit ihr“, erklärte nun das Mädchen und setzte mit einem zärtlichen Lächeln hinzu: „Oma ist total lieb!“ – „Das waren meine Omas auch!“, erinnerte ich mich und setzte hinzu: „aber die sind schon lange tot.“ – Wie merkwürdig sich dieser Satz hier anfühlte. Vermutlich hatte einer der beiden sie umgeschnippt…. „Aber du erinnerst dich an sie! Ich kann mir die ganzen  Püppchen gar nicht merken! Und langweilig ist uns auch oft, was glaubst du! Tagein, tagaus nur mit den Püppchen spielen. Dann denken wir uns neue Spiele aus, zum Beispiel eine neue Krankheit, die  wir dann verbreiten. eine Sturmflut, Erdbeben oder Kriege spielen wir auch immer wieder oder Terroristen…“ – „Aber ist es euch denn völlig egal, wenn Kinder sterben. Leute, die doch gar nicht dafür können, dass da irgendjemand Amok läuft?“, warf ich ein. „Es sind doch alles nur Püppchen! Alles nur ein Spiel!“, meldete sich entrüstet der Junge zu Wort. Irgendwie konnte ich meinen Punkt nicht verständlich machen. „Aber wenn jetzt deine Schwester sterben würde, wie wäre das? Sie ist doch deine Schwester, oder?“ – „Wir können nicht sterben, wir müssen hier so lange weitermachen, wie es Menschen gibt.“ – Und seine Schwester setzte nickend hinzu: „Sonst würde die Erde vor lauter Menschen überlaufen!“

„So ist es“, schaltete sich Frau Petrus ein, die gerade zurück gekommen war. „Was machen wir jetzt mit unserem Gast?“, fragte sie die Kinder. Mein Schicksal schon wieder in der Hand dieser Beiden? Mir wurde ganz mulmig. „Lass‘ uns schnick-schnack-schnuck spielen“, schlug das Mädchen vor. „Au ja“, stimmte ihr Bruder begeistert zu. „Wenn ich gewinne, geht sie mit Frau Petrus“, hörte ich das Mädchen, während ihr Bruder noch zu überlegten schien: „Also, … wenn ich gewinne … dann … dann entscheidet der Würfel!“, endete sein Satz. Meine Gedanken rotierten. Das konnte doch jetzt echt nicht wahr sein, was für ein makabres Spiel, dessen Einsatz irgendwie ich war und dessen Konsequenzen ich immer noch nicht verstand. Die beiden legten los. Schnick … schnack … und schnuck! „Papier wickelt Stein ein. Gewonnen!“, jubelte der Junge und rannte zu einem Tisch, von dem er einen Würfel mitbrachte. Diesen wirbelte er hoch in die Luft und ließ ihn auf den Boden fallen. Vier Köpfe beugten sich über den Würfel und sahen was oben abgebildet war: ein Joker. „Hey, gratuliere, der zeigt sich selten!“, nickte der Junge mir zu. „Mach’s gut!“, sagte das Mädchen. Frau Petrus lächelte mich an und alles verschwamm vor meinen Augen….

„Lebt sie noch?“, hörte ich eine Kinderstimme. Mühsam öffnete ich die Augen einen Spalt. „Geh‘ mal etwas zurück, Kleiner, da kommen die Sanitäter!“ – „Hallo, können Sie mich hören?“, sprach mich ein Sanitäter an und ich nickte benommen mit dem Kopf. „Sie haben einen ziemlichen Sturz hinter sich, das hätte auch anders ausgehen können. Können Sie mir sagen, was Ihnen weh tut?“

Das hätte ganz locker anders ausgehen können, dachte ich nur und wollte das Leben in Zukunft mehr genießen, denn wer wusste schon, wann man  umgeschnippt werden würde ….

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