Die fremde Frau

Es war ziemlich kühl. Ich zog die Jacke fester um mich und wickelte den dicken Schal noch ein weiteres Mal um den Hals. Den Schal hatte mir meine Oma gestrickt und so trug ich ihn in Andenken an sie ziemlich oft, weil sie ihn trotz Rheuma in den Fingern extra für mich gemacht hatte. Als sie ihn mir schenkte, hatte  sie gesagt: „Du frierst doch immer so schnell, Liebes! Der wird dich schön warm halten!“  Sie war so eine warmherzige, wundervolle Frau gewesen und der Schal war vielleicht deshalb so besonders, weil sie ihre Warmherzigkeit und Liebe mit reingestrickt hatte.

Ich war auf dem Weg zu meiner Verabredung mit Jan. Wir waren verlobt und wollten uns heute in einem Restaurant treffen, das für die Hochzeitsfeier in Frage kam, um es gemeinsam mal zu testen.  Jan kannte das Restaurant, denn es war in „seiner“ Stadt, während ich mich besser mit den Restaurants in „meiner“ Stadt auskannte. Aufgrund der beruflichen Einbindungen lebten wir nämlich nicht zusammen, sondern jeder noch in seiner Stadt. Mit der Hochzeit würde sich das natürlich ändern und da Jan so viel besser verdiente, war es an mir, meine Zelte abzubrechen und umzuziehen, denn eine Wochenend-Ehe wollten wir beide nicht. Ein gewisses flaues Gefühl im Magen verursachte mir der Gedanke schon. Nicht, dass ich Berlin nicht mochte, aber es war eben nicht Bonn. Ganz und gar nicht. Und Bonn war zuhause, zumindest seit ich dort studiert und dann „hängen geblieben“ war. Irgendetwas an dieser Stadt fühlte sich für mich richtig an. In Berlin fühlte ich mich klein und fremd, aber natürlich kannte ich mich noch nicht wirklich aus. So der Großstadttyp war ich halt nicht. Im Gegensatz zu Jan, der ganz in Berlin aufging und dessen Karriere als Rechtsanwalt in einer großen Kanzlei gerade so richtig ins Rollen kam. Ich freute mich für ihn und mir war klar, wie viel ihm seine Arbeit bedeutete, darum hatte ich mich schweren Herzens entschlossen, nach der Hochzeit nach Berlin zu ziehen. Ein Ende der lästigen Pendelei sehnte ich mir herbei und ich würde mich schon an Berlin gewöhnen, Freunde finden und meinen Platz.

Jan hatte mir gesagt, dass ich an der Haltestelle „Französische Straße“ aussteigen sollte und wie ich von dort zum Restaurant kommen würde. In der U-Bahn schaute ich mir die Menschen an. Eine Frau mit Kinderwagen spielte mit ihrem Baby, so dass es während der Fahrt ganz vergnügt war. Eine andere Frau spielte an ihrem Handy während ihr Baby quengelte, aus dem Wagen wollte und  schließlich lautstarkes Gebrüll ansetzte, was aber alle anderen Mitreisenden mehr störte, als die Frau. „Jetzt mach doch nicht so ein Theater“, raunzte sie es noch an, während das Baby weiter quengelte und schließlich weinte. „Was wohl aus diesen beiden Babies mal wird, die in der gleichen Stadt, aber mit ganz unterschiedliche Erfahrungen, Wahrnehmungen und Empfindungen aufwachsen?“, schoss es mir durch den Kopf.
Ein Mann schlief, aber vielleicht sah es auch nur so aus, denn es war ganz schön laut in der Bahn. Andererseits, wenn man müde genug ist, kann man vermutlich sogar in der U-Bahn schlafen. Viele Leute hingen am Handy, manche unterhielten sich und plötzlich erblickte ich eine Frau, die mich ernsthaft und müde ansah. Obwohl sie recht weit von mir saß, hielt sie Blickkontakt und ihr Blick hatte etwas Vertrautes. Sie war schon älter, vielleicht 60 und sah ziemlich erschöpft aus, fast schon krank.  Wieso schien sie mir nur so vertraut? Manchmal hat man ja das Gefühl, als würde man Jemanden kennen. Genau das spürte ich, als ich sie so ansah. „Woher könnte ich sie kennen?“,  fragte ich mich. Sie lächelte ein kleines Lächeln als könnte sie meine Gedanken lesen und da sah ich es:  Sie hatte genauso ein schiefes Grübchen wie ich! Und … ich stutzte … nicht nur das. Als ich jetzt genau hinsah, hatte sie auch die gleichen Augen wie ich, wenn auch mit mehr Falten drumherum und einem traurigen Ausdruck darin. Auch ihre Haare, die etwas vernachlässigt herunterhingen, waren in Farbe und Form den meinen durchaus ähnlich. Es war fast so, als ob ich hier eine ältere Version meiner Selbst sehen würde! Wie lustig, da hatte ich eine Doppelgängerin in Berlin, die allerdings mal eben doppelt so alt war, wie ich! Das musste ich Jan gleich erzählen! Vor lauter Beobachten meiner Doppelgängerin verpasste ich fast meine Station und hechtete, nicht ohne einen letzten Blick auf mein „Altersdouble“  zu werfen, zur Tür. „Merkwürdig, die Situation“, dachte ich noch und kramte auf dem Bahnsteig meinen Zettel mit der Wegbeschreibung zum Restaurant aus der Tasche. „Mach‘ das nicht!“, hörte ich meine eigene Stimme sagen und blickte erschrocken auf. Die Frau aus der Bahn stand direkt vor mir – und der Gedanke, dass sie doch gerade noch in der Bahn gesessen hatte, irritierte mich mindestens genauso, wie diese Worte, die sie zu mir gesagt hatte. Noch bevor ich meine Gedanken sortieren konnte, rutschte mir ein „Was denn?“ heraus. Doch bevor sie mir antworten konnte, wurde sie von den Reisenden der nächsten Bahn Richtung Ausgang mitgezogen, während ich unfähig, mich zu bewegen oder klar zu denken,  angewurzelt und völlig verwirrt am Platz stehen blieb.

„Was, zur Hölle, war das gerade eben?“, dachte ich entgeistert und fing an zu glauben, dass ich hier nur in einen fantasievollen Tagtraum verfallen war und nichts davon passiert war. Es war ja auch bizarr und absolut nicht nachvollziehbar, was ich da gesehen zu haben glaubte. Ich war mir mit einem Mal nicht mehr sicher, ob ich Jan wirklich davon erzählen sollte. Dennoch, das Bild der Frau hallte in mir nach: Sie sah aus wie ich, nur älter, erschöpft und … unglücklich. Würde ich in ihrem Alter auch so aussehen? Was hatte sie so erschöpft und unglücklich gemacht? Aber natürlich hat jede Stadt genug „verkrachte Existenzen“, die Schicksalsschläge erlebt haben und daran fast oder ganz zerbrechen und nicht immer wieder zu sich selbst finden. Durch die zufällige Ähnlichkeit traf mich jedoch ihr Unglück besonders und machte mich nachdenklich. Als ich im Restaurant ankam, hatte ich gar keinen rechten Appetit und irgendwie auch keine Gedanken frei dafür, ob das Restaurant nun passte und was für ein Menü es bei unserer Hochzeit geben könnte. Jan erzählte ich nichts von der Ähnlichkeit – keine Ahnung warum – sondern beschränkte mich darauf  von einer älteren Frau zu erzählen, die in ihrer Traurigkeit irgendwie mein Herz berührt hatte und mich auch traurig fühlen ließ. „Ach, Kleines!“ war Jans Kommentar dazu, „du findest hier an jeder Ecke Leute, die mit dem Leben nicht klar kommen. Das hat doch mit uns nichts zu tun!“ Und damit war das Thema für ihn abgehandelt und er wandte sich wieder der Speisekarte zu und überlegte laut, welches Menü er bevorzugen würde.

Aber mir war es, als hätte Jemand den Schleier vor meinen Augen weg gezogen und ich sah Jan mit einem neuen Blick. Ich sah plötzlich das Leben, dass ich an seiner Seite führen würde und fühlte, dass ich, wenn ich ihn heiraten würde,  mit 60 tatsächlich so aussehen würde, wie die Frau in der Bahn. Ich sah ein Leben an der Seite eines Menschen, dessen soziales Gewissen, nicht dem meinen entsprach, der sich keine Gedanken darum machte, wie es anderen ging  –  und  das nicht nur bezogen auf Fremde, sondern auch auf mich. Das wurde mir in diesem Augenblick klar. Er hatte nie auch nur erwogen für mich umzuziehen, obwohl es mit seinem Beruf viel einfacher war als mit meinem. Er bestimmte, was gut für uns war und wie er es haben wollte und ich hatte meine Wünsche immer bereitwillig zurück gestellt. Meine Meinung zählte für ihn gar nicht. Ich sah, was er von mir erwartete als Frau an seiner Seite, aber diese Frau an seiner Seite wollte ich gar nicht mehr sein. Das Leben, das er mit mir wollte, das war nicht meins, die Frau die er wollte, das war nicht ich. Ich hatte es gar nicht bemerkt, aber ich war mir selbst fremd geworden!

„Ich mach‘ das nicht!“, sagte ich plötzlich laut und entschlossen, während Jan verwundert von seiner Speisekarte aufblickte.

Am Nebentisch blickte mich eine ältere Frau an. Sie lächelte und hatte mein Grübchen, meine Haare, mein Gesicht. Sie lächelte mir warmherzig, freundlich zu und sah lebendig, zufrieden und glücklich aus.

 

 

2 Gedanken zu “Die fremde Frau

  1. Jutta Moore

    Sehr schön geschrieben! Wie immer hast du die passenden Worte gefunden, um bestimmte Gefühle bzw. Gedanken zu beschreiben, die so manch einem schon mal durch den Kopf gegangen sein mögen. Lg

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