Hand in Hand

Hand-in-Hand

Wir sitzen Hand in Hand im Park, beobachten die Enten auf dem kleinen Weiher, lächeln uns zärtlich an. Betrachten die Wolken und die Menschen um uns herum. Gemeinsam genießen wir den Duft von frisch gemähtem Gras und die Ruhe des Augenblicks. Dankbar blicke ich in Max‘ wunderschöne Augen und kann es kaum fassen, dass wir dieses Glück gefunden haben;  dass wir uns gefunden haben!

Als Kind konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Sache mit der Liebe wirklich funktioniert.  Das ist kaum verwunderlich, denn meine Eltern stritten sich eigentlich  immer. Friedlich ging es lediglich dann zu, wenn nur einer von ihnen zuhause war. Dass ich die Flucht ergriff und auszog, sobald ich alt genug war und es mir finanziell leisten konnte, erscheint vor diesem Hintergrund wenig überraschend.

Ich würde sagen, dass ich viel in diesem Elternhaus nicht gelernt hatte, aber natürlich hatte ich auch viel gelernt: Ich hatte gelernt, wie man wütend aufeinander war. Wie man sich anschrie und wie  man Türen besonders laut und effektvoll schließt. Ich hatte gelernt, wie man andere provoziert, welche Worte man wählt, um andere zu verletzen.  Am besten hatte ich allerdings gelernt, wie man sich duckt. Wie man Konflikten aus dem Weg geht und wie man unsichtbar ist.

Das war mein Leitsatz und ich befolgte ihn ausgesprochen erfolgreich. Ich lebte alleine, bescheiden, unauffällig, aber dabei  recht zufrieden. Mein Leben war ruhig und friedlich – so, wie es meinem Wunsch entsprach. Im Allgemeinen war ich freundlich und unverbindlich, damit kam ich überall gut durch. Ich sprach andere nur an, wenn es nicht zu vermeiden war und machte mich auf und davon, wenn ich einen schwelenden Konflikt riechen konnte. Ich vermied damit sehr viel Stress, wobei  die Vermeidung von Stress durchaus auch Stress machen kann. Da ich nicht an die Liebe glaubte, sie für eine Erfindung der Werbe- und Filmindustrie hielt, vermisste ich auch nichts, sehnte mich nicht.  Von Beziehungen zu Menschen erwartete ich nicht allzu viel Gutes, weshalb ich eine zugelaufene Katze adoptierte, die meinen Alltag erwärmte und mit leisem Schnurren und geduldigem Zuhören meiner Tageserlebnisse noch mehr Zufriedenheit  in mein Leben brachte. Ich hatte, was ich brauchte und was sollte ich schon darüber hinaus erwarten? Mich interessierten viele Dinge, über die ich mich im Stillen informierte. Oft besuchte ich Museen, denn insbesonders Gemälde faszinierten mich ungeheuerlich. Wie Bilder aus Gefühlen entstehen, Gefühle ausdrücken und wiederum Gefühle bei anderen auslösen können, berührte mich und ließ mich erahnen, dass es mehr Gefühle in mir gab als Hunger, Durst und Müdigkeit.

Bei einem der zahlreichen Besuche im Museum traf ich auf Max. Er studierte Kunst und wollte sich in der Sonderausstellung zu Picasso-Drucken auf ein Referat vorbereiten. Gedankenversunken betrachtete ich seit geraumer Zeit die sich streckende Katze, der mir besonders gefiel. Wie man mit ein paar Strichen so viel ausdrücken kann, erfüllte mich gleichermaßen mit Bewunderung und Ehrfurcht. Ich überlegte mir, wie Picasso wohl auf die Idee gekommen sein könnte, die Katze so zu zeichnen, was die Katze wohl davor und danach getan haben könnte und ähnliches mehr. So in Gedanken fuhr ich erschrocken zusammen, als Max mich fragte, ob er sich setzen durfte. Die Bank war ja schließlich öffentlich und so nickte ich nur und überlegte, ob ich nur zur Seite rücken sollte oder weg gehen,  als er einen Zeichenblock auf seine Knie legte und begann, das Bild nachzuzeichnen. Fasziniert und ohne nachzudenken, beobachtete ich ihn dabei. Obwohl er die Linien gut setzte, hatte sein Bild noch lange nicht den Ausdruck des Originals und mir wurde klar, welche Bedeutung hier den Nuancen der Striche zukam. Es war phänomenal für mich zu sehen, wie das Bild entstand. Ich selbst hatte viel zu wenig Vertrauen in meine Fähigkeiten, um es überhaupt zu probieren. Max hingegen setzte jeden Strich gezielt, sehr bewusst, konzentriert und fast zärtlich. Noch nie hatte ich Jemanden beim Malen beobachten können – der Kunstunterricht in der Schule zählt da wirklich nicht. Aber auch er war nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Als er zu mir aufsah, war es mir natürlich sehr peinlich, dass ich ihn so anstarrte während er arbeitete, und ich entschuldigte mich sofort für meine Neugierde und war bereit, zu gehen – oder eher, die Flucht zu ergreifen. Aber Max lächelte mich an und meinte: „Sie fühlen das Bild, nicht wahr? Also den Picasso, nicht meine schlechte Kopie davon!“ Ob es seine Worte waren oder sein Lächeln, vermutlich die Kombination aus beidem. Flucht und Bleiben stritten sich nur kurz in mir und wo sonst immer die Flucht gewonnen hatte, gewann an diesem Tag das Bleiben. Und so blieb ich. Lächelte schüchtern zurück und hörte mich sagen: „Wenn es so einfach wäre, das Bild zu kopieren, dann wäre es ja wohl keine Kunst.“ „Das stimmt!“, grinste er und stellte sich vor. „Ich bin übrigens Max. Max Weber, wie der Soziologe, aber ich studiere Kunst.“ Von dem Soziologen hatte ich damals noch nichts gehört, aber fand es nett, dass er sich so direkt vorstellte und mich anschließend erwartungsvoll ansah bis mir klar wurde, dass dies als Aufforderung zu verstehen war, ihm nun auch meinen Namen zu verraten: „Sonja. Sonja Müller, wie meine Oma, aber ich bin noch jung.“ – Innerlich versetzte ich  mir eine kleine Ohrfeige nach diesem Satz. Was für ein Schwachsinn ich hier faselte, aber Max grinste breit, ergriff meine Hand, schüttelte sie und während ich noch komplett elektrisiert war von dieser Berührung, magisch angezogen vom Lachen und der Wärme in seinen Augen, hörte ich seine Stimme sagen: „Es freut mich sehr, dich kennenzulernen, Sonja!“ Und zum ersten Mal wurde ein Augenblick in meinem Leben zu einem Moment ohne Anfang und Ende, ohne Bedeutung von Raum und Zeit. Ganz im Hier und Jetzt, ganz versunken in seinen Augen, während unsere Hände ineinander lagen.

Erst die Stimme eines Museumswärters brachte uns zurück in diese Welt. „Das Museum schließt in 5 Minuten, würden die Turteltäubchen bitte auch das Museum verlassen.“ Und sowohl Max als auch ich erröteten spontan, als dieser Moment nicht mehr uns allein gehörte. Aber wir grinsten uns an und fast gleichzeitig begannen wir zu sprechen: „Sollen wir noch was Essen gehen?“ / „Magst du auch was essen?“ und lachten spontan über die gleiche Idee und das Gefühl, dass wir hier beide das gleiche wollten: nicht nur essen, sondern auch den anderen auf keinen Fall loslassen. Zumindest nicht so schnell. „Hier um die Ecke gibt es einen tollen Italiener, wollen wir dahin gehen?“, schlug Max vor und da ich selten Essen ging, war ich für den Vorschlag dankbar und stimmte sofort zu.

Noch nie hatte ich an einem Abend so viel gesprochen wie an diesem. Mit ihm zu reden fiel so leicht, wie zu atmen. Und als wir spät am Abend das kleine italienische Restaurant verließen, war nicht nur mein Magen ganz voll, sondern auch mein Herz und meine Seele –und zwar randvoll. Vor der Tür fanden sich unsere Hände von ganz allein. Hand in Hand begleitete Max mich nach Hause und obwohl das alles ganz neu für mich war, fühlte es sich ganz natürlich und richtig an. Ich hatte an diesem Abend nicht nur das Bild einer Katze, sondern ein Bild von der Liebe bekommen.

Im Laufe der Jahre wurde uns klar: Verliebt sein kann Jeder, aber lieben ist eine Kunst. Ich unterstützte ihn dabei, sein Studium zu beenden und eine Anstellung in einem Museum zu finden. Wir tauschten uns aus über die täglichen Dinge und Probleme, genauso wie über die wundervollen, kleinen Momente des Tages, die Ruhe und Kraft geben. Ich lernte, dass Streit eine Facette von Beziehung ist. Eine Facette, die gut und sogar wichtig ist, aber niemals den Respekt für den anderen vermissen sollte. Wir lernten gemeinsam, wie wir Konflikte lösen können, was gerade für mich ein schwieriger Weg war. Unsere Tochter wurde geboren und brachte neue Herausforderungen in unsere Beziehung. Eltern sein bringt die Zweierbeziehung ins Wanken und wenn man sie erhalten möchte, muss man dafür etwas tun;  müssen beide dafür etwas tun. Erziehung wurde für einige Jahre zum großen Thema, natürlich auch in Streitigkeiten. Wir erzogen Emma gemeinsam, aber nicht immer war es leicht, an einem Strang zu ziehen. Jeder von uns brachte seine Perspektive, seine Erfahrungen und sein Werte ein. Wobei wir in so vielen Dingen übereinstimmten, dass es manchmal schier unfassbar schien, dass wir aus so unterschiedlichen Welten stammten, aber dennoch in grundsätzlichen Dingen genau die gleichen Vorstellungen hatten.  Gleichzeitig lernten wir viel von Emma, sie lehrte uns, die Welt wieder mit Kinderaugen zu sehen. Manchmal lagen wir zu dritt im Gras, Hand in Hand und beobachteten die vorbeiziehenden Wolken. Überhaupt war uns  in all den Jahren Berührung und Zärtlichkeit immer wichtig. Sich an der Hand zu halten, sich gegenseitig zu spüren und festzuhalten, war eine Geste von großer Bedeutung. Hand-in-Hand steht für all das, was uns wichtig ist: Nähe, Geborgenheit, Vertrauen, Halt, Gleichrangigkeit und genauso für die Liebe, die dahinter steht, die uns verbindet und ein tragfähiges Fundament darstellt für alles, was wir gemeinsam und getrennt voneinander tun. Und daran hat sich in den vergangen 30 Jahren nichts geändert.

Natürlich erinnern wir uns gerne zurück an diesen Tag im Museum als unsere Wege sich kreuzten und zu einem gemeinsamen Weg wurden. Der Tag, an dem ich lernte, dass Liebe möglich ist und nachdem mein Leben nicht mehr war wie zuvor.  Max lehrte mich zu leben und zu lieben, herauszufinden, wer ich wirklich bin und half mir, ich selbst zu sein. Genauso, wie er durch mich diese Dinge lernte. Er war und ist Seelenverwandter, Freund, Partner und Geliebter. Wir haben uns nicht gesucht, aber wir haben uns gefunden, bei Picassos Katze und da mag man noch so ungläubig sein: Manche Dinge passieren nicht zufällig! Ganz gewiss nicht zufällig, heißen unsere Katzen immer Picasso. Und auch nicht zufällig, finden sich unsere Hände immer, so dass wir Hand in Hand den Moment genießen,  Krisen bestehen und  füreinander da sind.

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