Hand in Hand

Hand-in-Hand

Wir sitzen Hand in Hand im Park, beobachten die Enten auf dem kleinen Weiher, lächeln uns zärtlich an. Betrachten die Wolken und die Menschen um uns herum. Gemeinsam genießen wir den Duft von frisch gemähtem Gras und die Ruhe des Augenblicks. Dankbar blicke ich in Max‘ wunderschöne Augen und kann es kaum fassen, dass wir dieses Glück gefunden haben;  dass wir uns gefunden haben!

Als Kind konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Sache mit der Liebe wirklich funktioniert.  Das ist kaum verwunderlich, denn meine Eltern stritten sich eigentlich  immer. Friedlich ging es lediglich dann zu, wenn nur einer von ihnen zuhause war. Dass ich die Flucht ergriff und auszog, sobald ich alt genug war und es mir finanziell leisten konnte, erscheint vor diesem Hintergrund wenig überraschend.

Ich würde sagen, dass ich viel in diesem Elternhaus nicht gelernt hatte, aber natürlich hatte ich auch viel gelernt: Ich hatte gelernt, wie man wütend aufeinander war. Wie man sich anschrie und wie  man Türen besonders laut und effektvoll schließt. Ich hatte gelernt, wie man andere provoziert, welche Worte man wählt, um andere zu verletzen.  Am besten hatte ich allerdings gelernt, wie man sich duckt. Wie man Konflikten aus dem Weg geht und wie man unsichtbar ist.

Das war mein Leitsatz und ich befolgte ihn ausgesprochen erfolgreich. Ich lebte alleine, bescheiden, unauffällig, aber dabei  recht zufrieden. Mein Leben war ruhig und friedlich – so, wie es meinem Wunsch entsprach. Im Allgemeinen war ich freundlich und unverbindlich, damit kam ich überall gut durch. Ich sprach andere nur an, wenn es nicht zu vermeiden war und machte mich auf und davon, wenn ich einen schwelenden Konflikt riechen konnte. Ich vermied damit sehr viel Stress, wobei  die Vermeidung von Stress durchaus auch Stress machen kann. Da ich nicht an die Liebe glaubte, sie für eine Erfindung der Werbe- und Filmindustrie hielt, vermisste ich auch nichts, sehnte mich nicht.  Von Beziehungen zu Menschen erwartete ich nicht allzu viel Gutes, weshalb ich eine zugelaufene Katze adoptierte, die meinen Alltag erwärmte und mit leisem Schnurren und geduldigem Zuhören meiner Tageserlebnisse noch mehr Zufriedenheit  in mein Leben brachte. Ich hatte, was ich brauchte und was sollte ich schon darüber hinaus erwarten? Mich interessierten viele Dinge, über die ich mich im Stillen informierte. Oft besuchte ich Museen, denn insbesonders Gemälde faszinierten mich ungeheuerlich. Wie Bilder aus Gefühlen entstehen, Gefühle ausdrücken und wiederum Gefühle bei anderen auslösen können, berührte mich und ließ mich erahnen, dass es mehr Gefühle in mir gab als Hunger, Durst und Müdigkeit.

Bei einem der zahlreichen Besuche im Museum traf ich auf Max. Er studierte Kunst und wollte sich in der Sonderausstellung zu Picasso-Drucken auf ein Referat vorbereiten. Gedankenversunken betrachtete ich seit geraumer Zeit die sich streckende Katze, der mir besonders gefiel. Wie man mit ein paar Strichen so viel ausdrücken kann, erfüllte mich gleichermaßen mit Bewunderung und Ehrfurcht. Ich überlegte mir, wie Picasso wohl auf die Idee gekommen sein könnte, die Katze so zu zeichnen, was die Katze wohl davor und danach getan haben könnte und ähnliches mehr. So in Gedanken fuhr ich erschrocken zusammen, als Max mich fragte, ob er sich setzen durfte. Die Bank war ja schließlich öffentlich und so nickte ich nur und überlegte, ob ich nur zur Seite rücken sollte oder weg gehen,  als er einen Zeichenblock auf seine Knie legte und begann, das Bild nachzuzeichnen. Fasziniert und ohne nachzudenken, beobachtete ich ihn dabei. Obwohl er die Linien gut setzte, hatte sein Bild noch lange nicht den Ausdruck des Originals und mir wurde klar, welche Bedeutung hier den Nuancen der Striche zukam. Es war phänomenal für mich zu sehen, wie das Bild entstand. Ich selbst hatte viel zu wenig Vertrauen in meine Fähigkeiten, um es überhaupt zu probieren. Max hingegen setzte jeden Strich gezielt, sehr bewusst, konzentriert und fast zärtlich. Noch nie hatte ich Jemanden beim Malen beobachten können – der Kunstunterricht in der Schule zählt da wirklich nicht. Aber auch er war nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Als er zu mir aufsah, war es mir natürlich sehr peinlich, dass ich ihn so anstarrte während er arbeitete, und ich entschuldigte mich sofort für meine Neugierde und war bereit, zu gehen – oder eher, die Flucht zu ergreifen. Aber Max lächelte mich an und meinte: „Sie fühlen das Bild, nicht wahr? Also den Picasso, nicht meine schlechte Kopie davon!“ Ob es seine Worte waren oder sein Lächeln, vermutlich die Kombination aus beidem. Flucht und Bleiben stritten sich nur kurz in mir und wo sonst immer die Flucht gewonnen hatte, gewann an diesem Tag das Bleiben. Und so blieb ich. Lächelte schüchtern zurück und hörte mich sagen: „Wenn es so einfach wäre, das Bild zu kopieren, dann wäre es ja wohl keine Kunst.“ „Das stimmt!“, grinste er und stellte sich vor. „Ich bin übrigens Max. Max Weber, wie der Soziologe, aber ich studiere Kunst.“ Von dem Soziologen hatte ich damals noch nichts gehört, aber fand es nett, dass er sich so direkt vorstellte und mich anschließend erwartungsvoll ansah bis mir klar wurde, dass dies als Aufforderung zu verstehen war, ihm nun auch meinen Namen zu verraten: „Sonja. Sonja Müller, wie meine Oma, aber ich bin noch jung.“ – Innerlich versetzte ich  mir eine kleine Ohrfeige nach diesem Satz. Was für ein Schwachsinn ich hier faselte, aber Max grinste breit, ergriff meine Hand, schüttelte sie und während ich noch komplett elektrisiert war von dieser Berührung, magisch angezogen vom Lachen und der Wärme in seinen Augen, hörte ich seine Stimme sagen: „Es freut mich sehr, dich kennenzulernen, Sonja!“ Und zum ersten Mal wurde ein Augenblick in meinem Leben zu einem Moment ohne Anfang und Ende, ohne Bedeutung von Raum und Zeit. Ganz im Hier und Jetzt, ganz versunken in seinen Augen, während unsere Hände ineinander lagen.

Erst die Stimme eines Museumswärters brachte uns zurück in diese Welt. „Das Museum schließt in 5 Minuten, würden die Turteltäubchen bitte auch das Museum verlassen.“ Und sowohl Max als auch ich erröteten spontan, als dieser Moment nicht mehr uns allein gehörte. Aber wir grinsten uns an und fast gleichzeitig begannen wir zu sprechen: „Sollen wir noch was Essen gehen?“ / „Magst du auch was essen?“ und lachten spontan über die gleiche Idee und das Gefühl, dass wir hier beide das gleiche wollten: nicht nur essen, sondern auch den anderen auf keinen Fall loslassen. Zumindest nicht so schnell. „Hier um die Ecke gibt es einen tollen Italiener, wollen wir dahin gehen?“, schlug Max vor und da ich selten Essen ging, war ich für den Vorschlag dankbar und stimmte sofort zu.

Noch nie hatte ich an einem Abend so viel gesprochen wie an diesem. Mit ihm zu reden fiel so leicht, wie zu atmen. Und als wir spät am Abend das kleine italienische Restaurant verließen, war nicht nur mein Magen ganz voll, sondern auch mein Herz und meine Seele –und zwar randvoll. Vor der Tür fanden sich unsere Hände von ganz allein. Hand in Hand begleitete Max mich nach Hause und obwohl das alles ganz neu für mich war, fühlte es sich ganz natürlich und richtig an. Ich hatte an diesem Abend nicht nur das Bild einer Katze, sondern ein Bild von der Liebe bekommen.

Im Laufe der Jahre wurde uns klar: Verliebt sein kann Jeder, aber lieben ist eine Kunst. Ich unterstützte ihn dabei, sein Studium zu beenden und eine Anstellung in einem Museum zu finden. Wir tauschten uns aus über die täglichen Dinge und Probleme, genauso wie über die wundervollen, kleinen Momente des Tages, die Ruhe und Kraft geben. Ich lernte, dass Streit eine Facette von Beziehung ist. Eine Facette, die gut und sogar wichtig ist, aber niemals den Respekt für den anderen vermissen sollte. Wir lernten gemeinsam, wie wir Konflikte lösen können, was gerade für mich ein schwieriger Weg war. Unsere Tochter wurde geboren und brachte neue Herausforderungen in unsere Beziehung. Eltern sein bringt die Zweierbeziehung ins Wanken und wenn man sie erhalten möchte, muss man dafür etwas tun;  müssen beide dafür etwas tun. Erziehung wurde für einige Jahre zum großen Thema, natürlich auch in Streitigkeiten. Wir erzogen Emma gemeinsam, aber nicht immer war es leicht, an einem Strang zu ziehen. Jeder von uns brachte seine Perspektive, seine Erfahrungen und sein Werte ein. Wobei wir in so vielen Dingen übereinstimmten, dass es manchmal schier unfassbar schien, dass wir aus so unterschiedlichen Welten stammten, aber dennoch in grundsätzlichen Dingen genau die gleichen Vorstellungen hatten.  Gleichzeitig lernten wir viel von Emma, sie lehrte uns, die Welt wieder mit Kinderaugen zu sehen. Manchmal lagen wir zu dritt im Gras, Hand in Hand und beobachteten die vorbeiziehenden Wolken. Überhaupt war uns  in all den Jahren Berührung und Zärtlichkeit immer wichtig. Sich an der Hand zu halten, sich gegenseitig zu spüren und festzuhalten, war eine Geste von großer Bedeutung. Hand-in-Hand steht für all das, was uns wichtig ist: Nähe, Geborgenheit, Vertrauen, Halt, Gleichrangigkeit und genauso für die Liebe, die dahinter steht, die uns verbindet und ein tragfähiges Fundament darstellt für alles, was wir gemeinsam und getrennt voneinander tun. Und daran hat sich in den vergangen 30 Jahren nichts geändert.

Natürlich erinnern wir uns gerne zurück an diesen Tag im Museum als unsere Wege sich kreuzten und zu einem gemeinsamen Weg wurden. Der Tag, an dem ich lernte, dass Liebe möglich ist und nachdem mein Leben nicht mehr war wie zuvor.  Max lehrte mich zu leben und zu lieben, herauszufinden, wer ich wirklich bin und half mir, ich selbst zu sein. Genauso, wie er durch mich diese Dinge lernte. Er war und ist Seelenverwandter, Freund, Partner und Geliebter. Wir haben uns nicht gesucht, aber wir haben uns gefunden, bei Picassos Katze und da mag man noch so ungläubig sein: Manche Dinge passieren nicht zufällig! Ganz gewiss nicht zufällig, heißen unsere Katzen immer Picasso. Und auch nicht zufällig, finden sich unsere Hände immer, so dass wir Hand in Hand den Moment genießen,  Krisen bestehen und  füreinander da sind.

Die Ausschreibung

Schicke uns ein, dein lustig‘ Gedicht,

schreibt der Verlag. Ich zögere nicht.

Das ist doch schnell, ruckzuck gemacht,

wenn‘s nicht so wär, wär’s ja gelacht!

So war der Plan doch, ei der Daus,

sieht‘s oft im Leben anders aus.

Da rühr‘ ich mein‘ Gehirnschmalz um,

doch was mir einfällt, ist zu dumm.

Lustig zu reimen ist doch schwer,

ach, wenn ich der Heinz Erhardt wär‘,

der hätte längst eine Idee:

genial, schräg, kurios! Oje,

dann lass‘ ich es wohl besser sein,

und zieh‘ mir Schokolade rein.

Hut ab vor allen lust‘gen Dichtern,

die Lächeln zaubern auf Gesichtern!

😊

Die fremde Frau

Es war ziemlich kühl. Ich zog die Jacke fester um mich und wickelte den dicken Schal noch ein weiteres Mal um den Hals. Den Schal hatte mir meine Oma gestrickt und so trug ich ihn in Andenken an sie ziemlich oft, weil sie ihn trotz Rheuma in den Fingern extra für mich gemacht hatte. Als sie ihn mir schenkte, hatte  sie gesagt: „Du frierst doch immer so schnell, Liebes! Der wird dich schön warm halten!“  Sie war so eine warmherzige, wundervolle Frau gewesen und der Schal war vielleicht deshalb so besonders, weil sie ihre Warmherzigkeit und Liebe mit reingestrickt hatte.

Ich war auf dem Weg zu meiner Verabredung mit Jan. Wir waren verlobt und wollten uns heute in einem Restaurant treffen, das für die Hochzeitsfeier in Frage kam, um es gemeinsam mal zu testen.  Jan kannte das Restaurant, denn es war in „seiner“ Stadt, während ich mich besser mit den Restaurants in „meiner“ Stadt auskannte. Aufgrund der beruflichen Einbindungen lebten wir nämlich nicht zusammen, sondern jeder noch in seiner Stadt. Mit der Hochzeit würde sich das natürlich ändern und da Jan so viel besser verdiente, war es an mir, meine Zelte abzubrechen und umzuziehen, denn eine Wochenend-Ehe wollten wir beide nicht. Ein gewisses flaues Gefühl im Magen verursachte mir der Gedanke schon. Nicht, dass ich Berlin nicht mochte, aber es war eben nicht Bonn. Ganz und gar nicht. Und Bonn war zuhause, zumindest seit ich dort studiert und dann „hängen geblieben“ war. Irgendetwas an dieser Stadt fühlte sich für mich richtig an. In Berlin fühlte ich mich klein und fremd, aber natürlich kannte ich mich noch nicht wirklich aus. So der Großstadttyp war ich halt nicht. Im Gegensatz zu Jan, der ganz in Berlin aufging und dessen Karriere als Rechtsanwalt in einer großen Kanzlei gerade so richtig ins Rollen kam. Ich freute mich für ihn und mir war klar, wie viel ihm seine Arbeit bedeutete, darum hatte ich mich schweren Herzens entschlossen, nach der Hochzeit nach Berlin zu ziehen. Ein Ende der lästigen Pendelei sehnte ich mir herbei und ich würde mich schon an Berlin gewöhnen, Freunde finden und meinen Platz.

Jan hatte mir gesagt, dass ich an der Haltestelle „Französische Straße“ aussteigen sollte und wie ich von dort zum Restaurant kommen würde. In der U-Bahn schaute ich mir die Menschen an. Eine Frau mit Kinderwagen spielte mit ihrem Baby, so dass es während der Fahrt ganz vergnügt war. Eine andere Frau spielte an ihrem Handy während ihr Baby quengelte, aus dem Wagen wollte und  schließlich lautstarkes Gebrüll ansetzte, was aber alle anderen Mitreisenden mehr störte, als die Frau. „Jetzt mach doch nicht so ein Theater“, raunzte sie es noch an, während das Baby weiter quengelte und schließlich weinte. „Was wohl aus diesen beiden Babies mal wird, die in der gleichen Stadt, aber mit ganz unterschiedliche Erfahrungen, Wahrnehmungen und Empfindungen aufwachsen?“, schoss es mir durch den Kopf.
Ein Mann schlief, aber vielleicht sah es auch nur so aus, denn es war ganz schön laut in der Bahn. Andererseits, wenn man müde genug ist, kann man vermutlich sogar in der U-Bahn schlafen. Viele Leute hingen am Handy, manche unterhielten sich und plötzlich erblickte ich eine Frau, die mich ernsthaft und müde ansah. Obwohl sie recht weit von mir saß, hielt sie Blickkontakt und ihr Blick hatte etwas Vertrautes. Sie war schon älter, vielleicht 60 und sah ziemlich erschöpft aus, fast schon krank.  Wieso schien sie mir nur so vertraut? Manchmal hat man ja das Gefühl, als würde man Jemanden kennen. Genau das spürte ich, als ich sie so ansah. „Woher könnte ich sie kennen?“,  fragte ich mich. Sie lächelte ein kleines Lächeln als könnte sie meine Gedanken lesen und da sah ich es:  Sie hatte genauso ein schiefes Grübchen wie ich! Und … ich stutzte … nicht nur das. Als ich jetzt genau hinsah, hatte sie auch die gleichen Augen wie ich, wenn auch mit mehr Falten drumherum und einem traurigen Ausdruck darin. Auch ihre Haare, die etwas vernachlässigt herunterhingen, waren in Farbe und Form den meinen durchaus ähnlich. Es war fast so, als ob ich hier eine ältere Version meiner Selbst sehen würde! Wie lustig, da hatte ich eine Doppelgängerin in Berlin, die allerdings mal eben doppelt so alt war, wie ich! Das musste ich Jan gleich erzählen! Vor lauter Beobachten meiner Doppelgängerin verpasste ich fast meine Station und hechtete, nicht ohne einen letzten Blick auf mein „Altersdouble“  zu werfen, zur Tür. „Merkwürdig, die Situation“, dachte ich noch und kramte auf dem Bahnsteig meinen Zettel mit der Wegbeschreibung zum Restaurant aus der Tasche. „Mach‘ das nicht!“, hörte ich meine eigene Stimme sagen und blickte erschrocken auf. Die Frau aus der Bahn stand direkt vor mir – und der Gedanke, dass sie doch gerade noch in der Bahn gesessen hatte, irritierte mich mindestens genauso, wie diese Worte, die sie zu mir gesagt hatte. Noch bevor ich meine Gedanken sortieren konnte, rutschte mir ein „Was denn?“ heraus. Doch bevor sie mir antworten konnte, wurde sie von den Reisenden der nächsten Bahn Richtung Ausgang mitgezogen, während ich unfähig, mich zu bewegen oder klar zu denken,  angewurzelt und völlig verwirrt am Platz stehen blieb.

„Was, zur Hölle, war das gerade eben?“, dachte ich entgeistert und fing an zu glauben, dass ich hier nur in einen fantasievollen Tagtraum verfallen war und nichts davon passiert war. Es war ja auch bizarr und absolut nicht nachvollziehbar, was ich da gesehen zu haben glaubte. Ich war mir mit einem Mal nicht mehr sicher, ob ich Jan wirklich davon erzählen sollte. Dennoch, das Bild der Frau hallte in mir nach: Sie sah aus wie ich, nur älter, erschöpft und … unglücklich. Würde ich in ihrem Alter auch so aussehen? Was hatte sie so erschöpft und unglücklich gemacht? Aber natürlich hat jede Stadt genug „verkrachte Existenzen“, die Schicksalsschläge erlebt haben und daran fast oder ganz zerbrechen und nicht immer wieder zu sich selbst finden. Durch die zufällige Ähnlichkeit traf mich jedoch ihr Unglück besonders und machte mich nachdenklich. Als ich im Restaurant ankam, hatte ich gar keinen rechten Appetit und irgendwie auch keine Gedanken frei dafür, ob das Restaurant nun passte und was für ein Menü es bei unserer Hochzeit geben könnte. Jan erzählte ich nichts von der Ähnlichkeit – keine Ahnung warum – sondern beschränkte mich darauf  von einer älteren Frau zu erzählen, die in ihrer Traurigkeit irgendwie mein Herz berührt hatte und mich auch traurig fühlen ließ. „Ach, Kleines!“ war Jans Kommentar dazu, „du findest hier an jeder Ecke Leute, die mit dem Leben nicht klar kommen. Das hat doch mit uns nichts zu tun!“ Und damit war das Thema für ihn abgehandelt und er wandte sich wieder der Speisekarte zu und überlegte laut, welches Menü er bevorzugen würde.

Aber mir war es, als hätte Jemand den Schleier vor meinen Augen weg gezogen und ich sah Jan mit einem neuen Blick. Ich sah plötzlich das Leben, dass ich an seiner Seite führen würde und fühlte, dass ich, wenn ich ihn heiraten würde,  mit 60 tatsächlich so aussehen würde, wie die Frau in der Bahn. Ich sah ein Leben an der Seite eines Menschen, dessen soziales Gewissen, nicht dem meinen entsprach, der sich keine Gedanken darum machte, wie es anderen ging  –  und  das nicht nur bezogen auf Fremde, sondern auch auf mich. Das wurde mir in diesem Augenblick klar. Er hatte nie auch nur erwogen für mich umzuziehen, obwohl es mit seinem Beruf viel einfacher war als mit meinem. Er bestimmte, was gut für uns war und wie er es haben wollte und ich hatte meine Wünsche immer bereitwillig zurück gestellt. Meine Meinung zählte für ihn gar nicht. Ich sah, was er von mir erwartete als Frau an seiner Seite, aber diese Frau an seiner Seite wollte ich gar nicht mehr sein. Das Leben, das er mit mir wollte, das war nicht meins, die Frau die er wollte, das war nicht ich. Ich hatte es gar nicht bemerkt, aber ich war mir selbst fremd geworden!

„Ich mach‘ das nicht!“, sagte ich plötzlich laut und entschlossen, während Jan verwundert von seiner Speisekarte aufblickte.

Am Nebentisch blickte mich eine ältere Frau an. Sie lächelte und hatte mein Grübchen, meine Haare, mein Gesicht. Sie lächelte mir warmherzig, freundlich zu und sah lebendig, zufrieden und glücklich aus.

 

 

Was für ein Kindergarten!

[Inspiriert von der ‚Ausschreibung des Todes‘ des Leserattenverlages 2017]

Irgendwie waren meine Augenlider schwer wie Blei und so musste ich sie einfach geschlossen halten, während ich leises Getuschel vernahm. Es gelang mir nicht, mich so weit zu konzentrieren, dass ich verstehen konnte, was da gesagt wurde; aber als einvernehmliches Kichern erklang, konnte ich das durchaus ausmachen und versuchte dann doch nochmal mit aller Kraft, die Augen aufzumachen…  Immer noch klappte das nicht wirklich und auch der Rest meines Körpers fühlte sich irgendwie unwirklich an und nicht so, als ob ich ihn bewegen könnte. Merkwürdiger Traum das hier …

Das Getuschel schien lauter zu werden oder meine Ohren funktionierten wieder besser, so dass ich einzelne Worte ausmachen konnte, aber es war wie eine schlechte Telefonverbindung, bei der man nur die Hälfte mitbekommt, so sehr man sich auch anstrengt  – die unwichtigere Hälfte natürlich!

…“lustige Haare“ …..

…“sieh doch“…..

…“da“…

…ein Kichern …

…“genau“….

…“psst, du bist“…

…und wieder kichern …

Meine Augenlider zuckten, auch hier kehrte langsam wieder die Kontrolle zurück.

„Hey, sie kommt zu sich!“, hörte ich ganz laut. „Eine Kinderstimme!?“, dachte ich verwundert. Die kam mir jetzt gar nicht bekannt vor, aber in Träumen ist ja so manches möglich. Doch normalerweise nimmt man das, was in einem Traum geschieht, einfach so zur Kenntnis und fragt sich erst hinterher, welche Abteilung im Unterbewusstsein sich wohl diesen Kram zusammengereimt hat. Dies hier war aber irgendwie anders … mühsam öffnete ich die Augen einen Spalt und musste sie direkt wieder schließen, das war anstrengender als ein Marathon. Hatte ich K.O.-Tropfen bekommen oder warum war ich so schwerfällig? Ein leichtes Brummen kam aus meinem Mund, verständliche Worte waren das in jedem Fall nicht.

„Na komm‘, mach schon die Augen auf!“, hörte ich auffordernd die Kinderstimme. „Jetzt sei doch nicht so blöd“, konterte eine andere Kinderstimme ,„immerhin ist sie gerade gestorben!“ .

„Äh, Moment mal“, dieser Traum entwickelte sich in eine immer skurrilere Richtung. Aber immerhin versetzte mir diese Aussage so einen ordentlichen Adrenalinschub, dass ich die Augen schlagartig öffnen konnte. „Siehst du, geht doch!“, sagte der kleine Junge, den Blick auf das Mädchen neben ihm gerichtet. Er hatte rote, abstehende Haare und erinnerte mich entfernt an Pumuckl, während das Mädchen braune Wuschellocken in den kurzen Haaren hatte und mich neugierig musterte.

„Du bist die Nummer 100.000 dieses Jahr!“, erklärte mir das Mädchen, als ob ich verstehen müsste, was sie mir damit sagen wollte. Statt Worte drangen nur unverständliche Laute aus meiner trockenen Kehle, aber der Junge half aus: „ich glaube, das hat die nicht verstanden“. Und fügte nach einer kurzen Pause altklug dazu, „manche Leute können so begriffsstutzig sein!“ – „Na, danke auch“, dachte ich und wäre jetzt gerne aufgewacht. „Dann helfen wir ihr halt ein wenig auf die Sprünge!“, setzte das Mädchen hinzu und fasste meine Hand. Diese wurde unmittelbar von einer Woge von Wärme und Leichtigkeit erfüllt, die sich sofort den Arm entlang in meinem Körper zu verteilen begann, so dass ich mich nach einem kurzen Moment der Berührung so fit und ausgeschlafen fühlte wie seit Jahren nicht!

Ich setzte mich auf und blickte in die braunen Augen des Mädchens. „Danke“, sagte ich zu ihr, denn das schien mir nach dieser Wunderbehandlung durchaus angemessen. „Gern geschehen!“, antwortete sie spontan, „Ist ja das Mindeste, nachdem wir dich vorhin umgebracht haben.“

Ich schluckte. Das war nun schon das zweite Mal, dass sie von meinem Tod sprach; was war das nur für ein abstruser Traum! Ich wusste wirklich nicht, was ich denken sollte, als plötzlich eine Frau auftauchte und mich eindringlich ansah. „Ach, diese Racker!“, was sich wie eine Mischung aus Entschuldigung und Stolz anhörte. „Sind das Ihre Kinder?“, fragte ich. Als Lehrerin hatte ich öfter mit Eltern von frechen Kindern zu tun, die zwar einerseits vorgaben, das Tun ihrer Kinder nicht gut zu heißen, aber doch insgeheim auf die Cleverness ihres Nachwuchses stolz waren und das, was die Kinder angestellt hatten, gar nicht so schlimm fanden. Und wenn ich darüber nachdachte, dann war das schon eine ziemliche Freakshow von zwei Kindern, die mir noch im Kindergartenalter zu sein schienen…

Die Frau öffnete den Mund und lachte. „Nein, die nicht! Ich schaue nur ab und zu nach ihnen, damit sie nicht zu viel Unfug anstellen.“ – „Machen wir doch gar nicht!“, kam beleidigt vom Jungen. „Nee, echt nicht!“, bestätigte das Mädchen. Mich beschlich das Gefühl,  dass es nett wäre, jetzt endlich aufzuwachen oder zumindest zu gehen. Irgendwie schien mir dieser Traum dann doch zu schräg. Aber als hätte sie meine Gedanken gelesen sagte die Frau: “Das ist kein Traum, Sie sind tatsächlich tot.“  – Und plötzlich erinnerte ich mich. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und wollte noch schnell Erdbeeren für den Kuchen holen und da kam dieses Auto ziemlich schnell von hinten angefahren und als ich mich umdrehte, sah ich den Fahrer am Handy und bevor ich irgendetwas sagen, rufen oder nur denken konnte, spürte ich, wie mich das Auto erfasste und durch die Luft wirbelte. Spürte wieder den Schmerz des Aufpralls und das alles wie in Zeitlupe und konnte doch nichts tun, um mich abzufangen ….

Das Ganze war für meinen Kopf gerade eine ziemlich harte Nuss, aber die auf mich einstürzenden Gefühle wurden jäh von einer Kinderstimme unterbrochen: „Ja, und weil du Nummer 100.000 dieses Jahr bist, durftest du uns besuchen!“, wurde mir erklärt und bekam eine Art „Gewinnkarte“ unter die Nase gehalten auf der tatsächlich mein Name stand, mein Todeszeitpunkt, Todesursache und die Jahresnummer. In meinem Fall 100.000 mit dem Gewinn, meinen Tod persönlich kennen zu lernen. Ein sehr eigenartiger Gewinn, wie mir schien und das Gefühl, vielleicht doch lieber ahnungslos verstorben zu sein, war nicht mal so unattraktiv.

„Siehst du, wir haben hier echt was zu tun!“, wurde mir erklärt, obwohl ich gar nicht gefragt hatte. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen nicht zu viele werden!“, erklärte der Junge und das Mädchen setzte hinzu „und nicht zu alt. Dann macht es nämlich keinen Spaß mehr, mit euch zu spielen.“ – „Äh, Moment mal. Sagtest du gerade ihr spielt mit uns?“, fragte ich ungläubig nach. – „Ja sicher. Schau mal da hinten, da  ist mein Krankenhaus. Da sterben ganz viele. Vorher habe ich sie krank gemacht“.  – Ich schluckte schwer: „ Du meinst, du sorgst dafür, dass die Leute ins Krankenhaus kommen und dann unter Umständen nicht mehr raus?“ – „Genau“, sagte das Mädchen leichthin. „Bei mir ist es viel spannender, schau mal hier, da sind meine Straßen und Autos! Da kann man so coole Unfälle machen!“, mischte sich nun der Junge ein. Seine Begeisterung konnte mich allerdings nicht wirklich anstecken. Diese Kinder sollten in der Hand haben, wer stirbt und wer lebt!? Wie konnte das sein? Wenn es einen Gott gab, dann wäre der doch irgendwie verantwortlich für so wichtige Entscheidungen, oder nicht? – Die Frau, die vorhin schon meine Gedanken zu lesen schien, schaltete sich auch jetzt wieder ein: „Gott hat wirklich genug damit zu tun, dass die Erde als Ganzes nicht den Bach runter geht, da kann er sich nicht auch noch um so banale Dinge wie den individuellen Tod kümmern!“ – Und setzt mit einem Lächeln hinzu: „Und die beiden machen das ganz gut!“. Ich sah, wie bei diesem Lob ein Strahlen über beide Kindergesichter huschte …

„Äh, naja“, versuchte ich einen Anfang zu finden „für das einzelne Individuum ist der Tod aber jetzt nicht wirklich banal!“ – „Ja, schon, aber wir müssen das im Gesamtkontext sehen. Der Einzelne ist nur ein winziges Bausteinchen“, entgegnete sie mir. Spontan kam  mir der Ameisenhaufen in den Sinn, den ich kürzlich im Garten nach Anheben einer Bodenplatte entdeckt hatte. Da hatte ich auch nicht an das Schicksal einzelner Ameisen gedacht …. durchaus eine Frage der Perspektive, wie ich mir eingestehen musste.

„Quatscht ihr noch lange?“, fragte mich das Mädchen, dem das Gespräch offensichtlich langweilig war. „Hier, schau mal, das bist du!“, setzte sie hinzu und hielt mir eine Puppe unter die Nase, die keine wirkliche Ähnlichkeit mit mir hatte. „Echt?“, entfuhr es mir verblüfft. „Jepp“, antwortete sie und setzte mit einem Kopfnicken in Richtung des Jungen hinzu: „ich wollte nur so spielen, aber er hat das Auto aufprallen lassen.“  – Darauf fiel mir erst mal nichts ein.  Der Junge grinste von der hinteren Zimmerecke und meinte nur, „Autos sind echt klasse, da kann man tolle Karamboulagen  machen! Guck“, und schon ließ er mehrere Fahrzeuge in seinen Händen aneinanderprallen. Mir wurde ganz schlecht und ich presste nur ein „die sterben aber jetzt nicht alle“ durch die Lippen. „Nee, nicht alle. Aber der da, und ….. der“, sprach’s und schnippte zwei Püppchen um. Die Willkür, mit der hier über Leben und Tod entschieden wurde, schockierte mich, weckte aber auch die Pädagogin in mir: „aber du kannst die doch nicht einfach so umschnippen. Vielleicht haben sie Kinder oder sind frisch verliebt und haben noch so viel vor sich!“ – „Ist mir egal“, kam die Antwort. „Das nennt man Zu-falls-prin-zip!“, belehrte mich das Mädchen und sprach das Wort sehr gedehnt aus, wie ein Fachwort, dass man gerade erst gelernt hat.

Ich allerdings hatte bereits mehr gehört und gesehen, als ich mir lieb war und wollte gerne weg, aber wohin? Also blieb mir wohl nichts anderes, als nachzufragen: „Was wird jetzt mit mir? Geht es jetzt für mich ins Paradies oder die Hölle?“ – „Das erledigt Frau Petrus“, antwortete das Mädchen ausweichend. Frau Petrus war aber gerade aus dem Zimmer gegangen, nachdem ihr Telefon geklingelt hatte. Ich schwieg und fühlte mich nun doch etwas nervös, wohin mich meine letzte Reise führen würde. Die Kinder wandten sich wieder ihrem Spiel zu und ich gab mir Mühe, NICHT hinzusehen. Das Mädchen schnippte gerade eine Figur, schien es sich dann aber doch nochmal anders überlegt zu haben und berührte sie sanft mit dem Finger. Ich erinnerte mich an das Gefühl der Leichtigkeit und Lebendigkeit, das sie mir vor kurzem durch ihre Berührung geschenkt hatte. „Seid ihr denn auch für Geburten zuständig?“, fragte ich durch den Raum. Denn wenn Leben und Tod so dicht beieinander lagen, dann fiel es hier vielleicht ins gleiche Ressort. „Zum Glück nicht“, meinte der Junge, „das macht unsere Oma.“ – „Manchmal spielen wir aber zusammen mit ihr“, erklärte nun das Mädchen und setzte mit einem zärtlichen Lächeln hinzu: „Oma ist total lieb!“ – „Das waren meine Omas auch!“, erinnerte ich mich und setzte hinzu: „aber die sind schon lange tot.“ – Wie merkwürdig sich dieser Satz hier anfühlte. Vermutlich hatte einer der beiden sie umgeschnippt…. „Aber du erinnerst dich an sie! Ich kann mir die ganzen  Püppchen gar nicht merken! Und langweilig ist uns auch oft, was glaubst du! Tagein, tagaus nur mit den Püppchen spielen. Dann denken wir uns neue Spiele aus, zum Beispiel eine neue Krankheit, die  wir dann verbreiten. eine Sturmflut, Erdbeben oder Kriege spielen wir auch immer wieder oder Terroristen…“ – „Aber ist es euch denn völlig egal, wenn Kinder sterben. Leute, die doch gar nicht dafür können, dass da irgendjemand Amok läuft?“, warf ich ein. „Es sind doch alles nur Püppchen! Alles nur ein Spiel!“, meldete sich entrüstet der Junge zu Wort. Irgendwie konnte ich meinen Punkt nicht verständlich machen. „Aber wenn jetzt deine Schwester sterben würde, wie wäre das? Sie ist doch deine Schwester, oder?“ – „Wir können nicht sterben, wir müssen hier so lange weitermachen, wie es Menschen gibt.“ – Und seine Schwester setzte nickend hinzu: „Sonst würde die Erde vor lauter Menschen überlaufen!“

„So ist es“, schaltete sich Frau Petrus ein, die gerade zurück gekommen war. „Was machen wir jetzt mit unserem Gast?“, fragte sie die Kinder. Mein Schicksal schon wieder in der Hand dieser Beiden? Mir wurde ganz mulmig. „Lass‘ uns schnick-schnack-schnuck spielen“, schlug das Mädchen vor. „Au ja“, stimmte ihr Bruder begeistert zu. „Wenn ich gewinne, geht sie mit Frau Petrus“, hörte ich das Mädchen, während ihr Bruder noch zu überlegten schien: „Also, … wenn ich gewinne … dann … dann entscheidet der Würfel!“, endete sein Satz. Meine Gedanken rotierten. Das konnte doch jetzt echt nicht wahr sein, was für ein makabres Spiel, dessen Einsatz irgendwie ich war und dessen Konsequenzen ich immer noch nicht verstand. Die beiden legten los. Schnick … schnack … und schnuck! „Papier wickelt Stein ein. Gewonnen!“, jubelte der Junge und rannte zu einem Tisch, von dem er einen Würfel mitbrachte. Diesen wirbelte er hoch in die Luft und ließ ihn auf den Boden fallen. Vier Köpfe beugten sich über den Würfel und sahen was oben abgebildet war: ein Joker. „Hey, gratuliere, der zeigt sich selten!“, nickte der Junge mir zu. „Mach’s gut!“, sagte das Mädchen. Frau Petrus lächelte mich an und alles verschwamm vor meinen Augen….

„Lebt sie noch?“, hörte ich eine Kinderstimme. Mühsam öffnete ich die Augen einen Spalt. „Geh‘ mal etwas zurück, Kleiner, da kommen die Sanitäter!“ – „Hallo, können Sie mich hören?“, sprach mich ein Sanitäter an und ich nickte benommen mit dem Kopf. „Sie haben einen ziemlichen Sturz hinter sich, das hätte auch anders ausgehen können. Können Sie mir sagen, was Ihnen weh tut?“

Das hätte ganz locker anders ausgehen können, dachte ich nur und wollte das Leben in Zukunft mehr genießen, denn wer wusste schon, wann man  umgeschnippt werden würde ….

Papa

Prinzessin Rotbäckchen

[Geschrieben schon vor vielen Jahren, aber Märchen altern ja nicht…]

Es war einmal vor langer, langer, langer Zeit eine Prinzessin. Das sie rote Bäckchen bekam, wenn sie sich freute oder etwas Sport gemacht hatte, nannten alle sie nur Prinzessin Rotbäckchen. Sie wohnte in einem schönen Schloss mit einem schönen Garten in einem schönen Königreich. Sie hatte fast alles, was man mit Geld kaufen kann, aber trotzdem war sie nicht glücklich, denn sie fühlte sich einsam. Sie wünschte sich nichts sehnlicher auf der Welt als einen Menschen, mit dem sie ihr Leben und alles was sie hatte Teilen konnte. Ihre Eltern hatten nämlich keine Zeit für sie, sie mussten so wichtige Dinge tun wie Regieren, Staatskassen verwalten, Minister schikanieren und Untertanen stressen. Immer wenn Prinzessin Rotbäckchen davon anfing, dass sie gerne wüsste, wie die Welt hinter dem großen, dichten Zaun um den Palast aussah, oder dass sie sich einen Spielgefährten wünschte, dann sagte der Vater, sie solle sich nicht um anderer Leute Angelegenheiten kümmern und schließlich hätte sie ja eigentlich alles, was man sich nur wünschen könne.

Manchmal war die Prinzessin ganz fröhlich, dann sang sie, beobachtete die Tiere im Garten, betrachtete die Wolken und rätselte, was sie wohl gerade darstellten, bastelte, nähte oder las. All dies waren Dinge an denen sie viel Freude hatte. Dann waren ihre Bäckchen rot und sie sah glücklich aus. Manchmal war die Prinzessin aber auch sehr traurig, dann sang sie traurige Lieder, beobachtete die Tiere im Garten, wie sie miteinander spielten, schaute gar nicht zu den Wolken, hatte keine Lust zum Spielen oder Lesen. Dann war sie blass und ihre Augen blickten traurig zum Zaun und sehnsuchtsvoll stellte sie sich vor, wie die Welt wohl dahinter aussah und fragte sich, ob es dort wohl Menschen gäbe, die sich auch so einsam fühlten wie sie.

Im Laufe der Jahre war die Prinzessin viel häufiger traurig als fröhlich. Nur selten sang sie fröhliche Lieder und immer seltener hörte man sie lachen und sah, wie sich ihre Bäckchen rot färbten. Traurig schlich sie durch den königlichen Garten und sah kaum noch die Schönheit der Pflanzen und Tiere, die in diesem Garten lebten.

Eines Tages aber hörte sie Stimmen hinter dem Zaun. Sie war sehr erstaunt, denn bisher hatte sie noch nie Jemandem hinter dem Zaun gehört. „Hallo?“ sagte die Prinzessin und von der anderen Seite kam eine fröhliches „Hallo!“ zurück. Oh, die Prinzessin war ein wenig erschrocken, ihr Herz klopfte wild und vor Aufregung färbten sich ihre Bäckchen im schönsten rot. „Wer ist denn da?“, wollte die Prinzessin wissen. – „Man nennt mich Prinz Lachfältchen“, antwortete die Stimme. Was für eine schööööne Stimme, dachte die Prinzessin. „Und wer bist du“, wollte die Stimme von Prinz Lachfältchen wissen. „Prinzessin Rotbäckchen nennt man mich“, gab sie zur Antwort. – Ein kurzes Schweigen trat ein. „Ich habe schon von dir gehört“, hörte man die Stimme des Prinzen. „Wirklich?“ Die Prinzessin war sehr überrascht. Andere hatten schon von ihr gehört und sie hatte keine Ahnung, wen es da draußen alles gab… „Wo hast du von mir gehört?“, fragte die Prinzessin gespannt. – „Man erzählt sich, dass du niemals aus dem königlichen Garten kommst, dass du alles hast was man sich wünschen kann und deshalb niemals mit anderen spielst“, gab der Prinz Auskunft. – „So ein Quatsch“, empörte sich die Prinzessin „so gerne würde ich nach draußen gehen und mit Anderen spielen, aber meine Eltern lassen mich nicht!“ – Man hörte plötzlich merkwürdige Geräusche am Zaun und die Prinzessin dachte schon, der Prinz wäre weggegangen, aber da lugte auf einmal sein Kopf über den Zaun, sein ganzes Gesicht strahlte und sagte: „Das ist ja ziemlich gemein von deinen Eltern!“ Er schwang sich über den Zaun und landete mit einem Plumps vor den Füßen der Prinzessin. Sie schaute ihn mit ihren großen blauen Augen verwundert an. Sie schaute in seine blauen Augen, sein strahlendes Lachen und fühlte, wie ihr ganz schwindelig wurde vor lauter Glück. Es war, als würde sie in sich selbst schauen, als hätte man ihr einen Spiegel vorgehalten, der aber nicht ihr eigenes Gesicht trug sondern das von Prinz Lachfältchen.

Aus der Ferne hörte man die Rufe der Zofe: „Prinzessin, Abendessen, kommt ins Schloss, es ist höchste Zeit!“ – und nachdem sie sich in Richtung der Stimme umgedreht hatte, um zu antworten, und dann wieder zum Prinzen sah, war er nicht mehr da. Einfach verschwunden! Sie hörte noch ein Rascheln am Zaun, doch der Prinz war weg. Verwirrt machte sich die Prinzessin auf den Weg zum Schloss. „Habe ich mir das nur eingebildet? Kann es sein, dass man Dinge sieht, die gar nicht existieren, weil man sich so alleine fühlt?“, fragte sie sich. Aber sie hatte diese Augen gesehen, dieses Strahlen und es ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Am nächsten Tag ging sie nicht traurig und ohne Ziel durch den königlichen Garten, sondern aufgeregten Schrittes direkt zu der Stelle hin, wo sie am Vortag den Prinzen gesehen hatte – oder vielleicht doch: gesehen zu haben glaubte. Sie war sich sehr unsicher, aber ihr Herz schlug heftig, als sie wieder an die Stelle kam. Und wie heftig schlug ihr Herz erst, als sie sah, wer da im Gras unter dem alten Baum saß und eine Raupe beobachtete, die versuchte einen Grashalm hochzuklettern.

„Er ist herrlich, euer Garten“, strahlte der Prinz sie an. Die Prinzessin setzte sich neben den Prinzen ins Gras und beobachtete ebenfalls die emsige Raupe. „Wo möchte sie denn hin?“, fragte die Prinzessin „Wenn sie am Grashalm oben ist, kann sie nur runterfallen oder wieder runter klettern.“ – „Aber nein!“, erklärte der Prinz „sie kann einen Faden spinnen und sich vom Wind woanders hin treiben lassen oder, wenn es so weit ist, kann sie sich oben am Grashalm verpuppen, um dann als wunderschöner Schmetterling wieder herauszukommen!“ – Wieder blickten beide die Raupe an, die noch immer auf dem Weg nach oben war und sich mühsam voran hangelte. Sie saßen eine ganze Weile schweigend im Gras und beobachteten die Raupe, bis es zu unbequem wurde und die Prinzessin sich der Länge nach ins Gras legte und zu den Wolken schaute „Sieh nur, ein Krokodil“, rief sie begeistert, als sie eine längliche Wolke entdeckte. – „Und da kommt ja das Futter: ein dicker Fisch“, bemerkte der Prinz und zeigte auf eine andere Wolke. Es verging eine lange Zeit, während der die Prinzessin und der Prinz gemeinsam im Gras lagen und nach den Wolken schauten. Zwischendurch schauten sie sich an und lächelten. Die Bäckchen der Prinzessin waren rot und man sah, dass sie sich wirklich wohl fühlte. Sie fühlte sich so leicht und so glücklich wie schon lange nicht mehr. Es war ihr, als hätte sie sich selbst gefunden, als wäre sie endlich komplett.

Doch es kam, wie es kommen musste, als der Tag sich neigte erscholl erneut die Stimme durch den königlichen Garten: „Prinzessin, Abendessen, wo seid ihr?“ – Und wieder verschwand der Prinz während sie nur kurz den Kopf in Richtung der Stimme drehte, um zu antworten. Aber diesmal war sie nicht verwirrt, denn sie wusste nun, sie hatte die Begegnung nicht geträumt. Der Prinz war da gewesen und er würde auch morgen wieder da sein, das fühlte sie genau. Fröhlich machte sich die Prinzessin auf den Weg zum Schloss, sie tanzte förmlich, gab der verdutzten Köchin, die zum Essen gerufen hatte, einen Kuss auf die Wange und machte sich leichten Schritten auf zum Abendessen.
Am nächsten Tag konnte es die Prinzessin kaum erwarten nach draußen in den königlichen Garten zu gehen. Sie rannte fast schon zu der Stelle, an der sie Prinz Lachfältchen schon zwei Mal getroffen hatte. Seine Augen, sein Lachen, er, ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie war so früh in den Garten gekommen, dass noch niemand da war. Sie setzte sich ins Gras und sang fröhliche Lieder während sie sich aus Blumen einen Kranz flocht. Und da der Prinz immer noch nicht da war, flocht sie noch einen Kranz, bis sie plötzlich ein scharrendes Geräusch am Zaun hörte. Was machte ihr Herz einen Satz als sie den Kopf des Prinzen über dem Zaun sah. Er schwang sich herüber und stand unversehens neben ihr: „Du hast aber schön gesungen“, sagte er und blickte tief in ihre Augen, so dass sie das Gefühl hatte, er sah dabei direkt in ihr Herz. Ihre Bäckchen wurden tiefrot und sie senkte verlegen den Blick. Seine Hand nahm ihr Kinn und hob sanft ihren Kopf, so dass sie sich wieder in die Augen sahen: „Du hast wirklich sehr schön gesungen“, wiederholte er und setzte den Kranz, der noch in ihren Händen war, in ihr Haar. Da war sie auf einmal nicht mehr verlegen, denn sie spürte, er hatte einfach nur gesagt, was er empfand und seine Augen sagten das Gleiche und da wusste die Prinzessin, dass nicht nur er in ihr Herz sah, sondern das auch sie in sein Herz blicken konnte. Und was sie da sah, war wunderschön! Sie setze ihm den anderen geflochtenen Kranz ins Haar und ihre Hände fanden sich. Sie hielten sich, als wollten sie sich nie mehr loslassen und das Gefühl eins zu sein, war so schön, so stark, dass die beiden schweigend im Gras saßen und das Wasser im Fluss beobachteten, die Libellen, die schnell über den Fluss hinweg flogen, den Frosch, der mit einem großen Sprung ins Wasser sprang und die Amsel, die an einer flachen Stelle den Fluss zum Baden benutze und sich von den zwei leisen, sich immer noch an den Händen haltenden Menschen nicht stören ließ.
Auch an diesem Tag ertönte die Stimme, die die Prinzessin zum Essen rief und wieder – obwohl sie es sich fest vorgenommen hatte – drehte sie den Kopf kurz vom Prinzen weg und bevor sie sich versah, war er wieder verschwunden. Es erschien der Prinzessin wie ein böser Fluch, der den Prinzen immer wieder verschwinden ließ. Aber sie wusste: er würde morgen wieder da sein!

Am nächsten Morgen erlebte die Prinzessin eine unangenehme Überraschung: Regen. Es war grau und trüb und es goss in Strömen. Auch wenn es den Anderen im Schloss merkwürdig erschien, bestand die Prinzessin darauf, nach draußen zu gehen. Sie nahm den großen Regenschirm und ging zu besagter Stelle. Heute konnte sie sich nicht ins Gras setzen, also spazierte sie ein wenig umher und beschloss dann, in den dichten Baum zu klettern, dessen Blätter den Regen sehr gut abhielten. Das erwies sich als sehr gute Idee, denn so konnte sie im Trockenen sitzen, die Regentropfen auf den Blättern beobachten und auf den Prinzen warten. Der tauchte nach kurzer Zeit trotz des Regens auf und kletterte erst über den Zaun und dann zu ihr auf den Baum. Da saßen sie dicht nebeneinander auf einem starken Ast und ließen die Beine baumeln.

Die Prinzessin genoss es sehr, neben dem Prinzen auf dem Baum zu sitzen. Sie erzählte von ihrer Kindheit, welche Spiele sie gespielt hatte und welche Bücher sie schon gelesen hatte und zu ihrem großen Erstaunen kannte der Prinz viele der Spiele und viele der Bücher. Auch er erzählte von seiner Kindheit. Der Regen hörte auf, doch Prinzessin Rotbäckchen und Prinz Lachfältchen saßen dicht nebeneinander und redeten und redeten, sie lachten und scherzten und genossen die Gesellschaft.  Sie bemerkten nicht, wie die Zeit verging und erst als die Prinzessin zum Essen gerufen wurde, schreckten die Beiden auf. Der Prinz sprang sofort vom Baum und kletterte über den Zaun. Traurig blickte die Prinzessin ihm nach. „Warum verschwindet er immer? Existiert er am Ende doch nur in meiner Fantasie?“ Nachdenklich ging sie zurück zum Schloss.

Als die Prinzessin am nächsten Tag aufstehen wollte, hatte sie Fieber und eine dicke Erkältung bekommen und musste das Bett hüten. Sie konnte unmöglich in den Garten zu der Stelle gehen, an der sie den Prinzen mehrfach getroffen hatte. Der Hofarzt verordnete Bettruhe, Fiebertee und Erkältungsmedizin. Die Erkältung machte ihr weniger aus als die Tatsache, dass sie den Prinzen nicht treffen konnte. Wie sehr vermisste sie ihn, die Sehnsucht sorgte dafür, dass sie sich noch viel kranker fühlte, als sie eigentlich war. Es vergingen 3 lange Tage an denen sie das Bett hüten musste und nicht in den Garten gehen konnte. Es erschienen ihr wie die längsten 3 Tage ihres Lebens. In jeder Stunde, jeder Minute, jeder Sekunde dachte sie an Prinz Lachfältchen: seine Stimme, sein Lachen, wie sich seine Hand in ihrer anfühlte, wie er ihr Kinn gehalten hatte, wie es sich in ihrem Herzen anfühlte, wenn er in ihrer Nähe war. Ohne dass sie mit Jemandem darüber gesprochen hatte wusste sie, dass er die Liebe ihres Lebens war – und aus den Büchern, die sie gelesen hatte wusste sie, dass man diese Liebe nur einmal im Leben findet – wenn überhaupt. Sie überlegte, was zu tun sei, denn es konnte ja nicht sein, dass er immer wieder verschwand, wenn sie zum Abendessen gerufen wurde. Sie rätselte darüber, was wohl der Grund für sein Verschwinden sein konnte. Nach drei Tagen durfte die Prinzessin wieder in den Garten und sie hatte Glück, denn es war ein schöner, milder Tag. Die Sonne schien herrlich und sie eilte zu der Stelle und hoffte, der Prinz würde auch wieder dort sein. Sie eilte sich sehr, denn die Sehnsucht war so groß und ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Als sie ankam, waren ihre Bäckchen rot und sie sah wieder gesund und sehr schön aus. Und da, unter dem Baum, saß Prinz Lachfältchen und sah traurig aus. Er spielte mit einem Grashalm und  ließ den Kopf ein wenig hängen. – „Hallo!“ rief die Prinzessin ihm schon aus der Entfernung zu: „ich war krank und konnte nicht kommen!“ Als der Prinz ihre Stimme hörte hob er sofort den Kopf und blickte sie an und alle Traurigkeit war aus seinem Gesicht gewichen, er machte seinem Namen alle Ehre und lachte und strahlte, dass er selbst die Sonne in den Schatten stellte. „Da bist du ja!“, entfuhr es ihm „ich dachte schon, du wolltest mich nicht mehr sehen!“ – „Ach, wie kannst du so etwas denken?“, wunderte sich die Prinzessin. Und sie schauten sich in die Augen und keiner von beiden brauchte mehr zu sagen, denn sie konnten alles darin lesen. Ihre Hände fanden sich und der Zauber der Liebe legte einen schützenden Mantel um sie.

„Wirst du diesmal wieder verschwinden, wenn zum Essen gerufen wird?“, fragte die Prinzessin ein wenig beklommen. Der Prinz wurde verlegen. „Ich …. Ich ….“, versuchte der Prinz einen Anfang zu finden. „Ich muss eine große Aufgabe bewältigen, bevor ich bei dir bleiben kann. Vertraue mir!“ Und es bedurfte nur einen Blick in seine Augen, in sein Herz, seine Seele und die Prinzessin antwortete: „Ja, ich vertraue dir!“ Ihre Lippen fanden sich zu einem Kuss, der die Zeit anhielt, alle Gefühle vereinte und das Zentrum eines neuen, gemeinsamen Universums schuf. Da erscholl der Ruf nach der Prinzessin und diese sah diesmal zu, wie der Prinz über dem Zaun verschwand.

So kam es, dass die Prinzessin und der Prinz sich täglich sahen, ohne dass Jemand davon wusste. Mal redeten sie miteinander, mal gingen sie miteinander im Garten umher, mal beobachteten Sie die Tiere im Park, ein andermal lasen sie gemeinsam ein Buch oder sie küssten sich. Egal was sie taten, sie fühlten wie ihre Liebe und das Vertrauen wuchsen. Und jeden Abend, wenn die Prinzessin zum Essen gerufen wurde, verschwand der Prinz so wie er auch gekommen war über den Zaun des königlichen Gartens. Die Prinzessin vermied es, den Prinzen nach seiner großen Aufgabe zu fragen und der Prinz vermied es, der Prinzessin davon zu erzählen. Beide wussten, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen würde, an dem auch dieses Märchen – wie jedes Märchen – endet.

Die beiden hatten sich schon ganz daran gewöhnt, sich täglich zu sehen, miteinander zu sprechen, sich zu küssen und es schien beiden nicht mehr vorstellbar, dass dies anders sein könnte. Und eines Tages war es soweit. Der Prinz sah die Prinzessin sehr ernst an und sagte: „Ich habe meine große Aufgabe beendet. Ich kann, mit einem gezielten Stoß den kompletten Zaun um den königlichen Garten niederreißen und du wirst frei sein und ich werde frei sein.“ Sie sahen sich schweigend an. „Vielleicht werden deine königlichen Eltern so verärgert sein, dass du deinen Reichtum verlieren wirst“,  fügte er nach einer langen Pause hinzu. Prinzessin Rotbäckchen hatte sehr rote Bäckchen, fühlte sich aber gar nicht ängstlich sondern fühlte die Geborgenheit, die sie nur bei Prinz Lachfältchen gefunden hatte.

Ihre Augen blickten zuversichtlich in seine als sie schließlich sagte: „Ich möchte den Zaun nicht mehr, ich möchte weiter sehen und weiter gehen können. Und wenn ich meinen Reichtum verliere, aber dich gewinne, dann habe ich doch den größten Schatz auf der Welt!“ Und der Prinz gab dem Zaun einen Stoß, der ihn wie eine Domino-Kette ein Teil nach dem anderen umstürzen ließ, bis schließlich der komplette Zaun am Boden lag. Dies verursachte Krach, einigen Wirbel und viel Staub und nachdem sich die Staubwolke gelegt hatte konnte die Prinzessin sehen, was sich hinter dem Zaun befand: Ein Garten, der noch viel schöner war als der königliche Garten. Die Prinzessin staunte und glaubte ihren Augen kaum, so fasziniert war sie von Allem, was sie dort sah. Da waren wunderschöne, seltene Tiere in diesem Garten, die frei herumliefen, aber auch zahlreiche Möglichkeiten hatten, sich zu schützen und zu verstecken vor den Gefahren des Lebens. Da gab es Unterstände und kleine Hütten, die die Prinzessin sofort als das Machwerk des Prinzen erkannte. Er war es, der seine schützenden Hände über diesen Tieren ausgebreitet hatte.

Und die Prinzessin erkannte, dass dies die große Aufgabe des Prinzen gewesen war: einen Weg zu finden, wie er gleichzeitig die wunderschönen, seltenen Tiere beschützen UND den königlichen Zaun niederreißen konnte ohne die Tiere zu gefährden. Und Prinzessin Rotbäckchen liebte den Prinzen noch mehr dafür, dass er sich um die wunderschönen, seltenen Tiere so kümmerte und sorgte. Aus diesem Grund versprach die Prinzessin ihm, auch ihren Beitrag zum Schutz dieser wunderschönen, seltenen Tiere zu leisten.

Mit einem Kuss besiegelten sie ihr Versprechen und lebten glücklich und zufrieden, bis ans Ende ihrer Tage.